Vielen Dank für Ihre neue Folge und den Raum, den Sie für Themen wie Nähe, Dating und Selbstschutz öffnen. Weil Sie ausdrücklich um Rückmeldungen bitten, möchte ich Ihnen einige Gedanken schildern – respektvoll, interessiert und ohne Anspruch auf absolute Wahrheit.
Eine Frage stellte sich mir beim Zuhören schnell: Ist Ihre Empfehlung eine Regel – oder wird sie zum Stigma?
Eine Regel kann Orientierung geben. Ein Stigma dagegen bewertet Abweichungen moralisch und macht persönliche Entscheidungen erklärungsbedürftig. Die Aussage, Frauen sollten beim ersten Date grundsätzlich nicht küssen, wirkte für mich eher wie Letzteres: weniger wie ein Angebot, mehr wie eine Festlegung, deren Missachtung als Zeichen mangelnder Ernsthaftigkeit gelesen werden könnte.
Aus journalistischer und psychologischer Sicht bleibt eine solche Pauschalisierung schwer haltbar. Es gibt keine belastbare Studienlage, die frühes Küssen als Risiko einordnet oder spätes Nähe-Zulassen als grundsätzlich stabilisierend belegt. Forschung betont vielmehr Kontext, Dynamik und individuelle Passung.
Ihre Hintergründe als studierte Germanisten und Philosophen bringen viel sprachliche Präzision und Reflexionsfähigkeit in Ihr Format. Gleichzeitig ersetzt das keine psychologische oder empirisch-forschende Ausbildung. Dadurch wirken manche Ihrer Einschätzungen stärker erfahrungs- als evidenzbasiert. Das ist verständlich, aber anfällig für Confirmation Bias – die Tendenz, vor allem die Beobachtungen zu betonen, die das eigene Modell und auch das Coaching-Konzept stützen.
Vor diesem Hintergrund fiel mir der Umgang mit der Rückmeldung von Zuhörer Andreas besonders auf. Über seinen Ton und seine Art, Ihre Haltung sehr deutlich in Frage zu stellen, kann man selbstverständlich diskutieren – das gehört zu einer offenen Debatte. Inhaltlich lagen seine zentralen Punkte jedoch näher an dem, was psychologische Forschung zu Nähe, Timing und Selbstbestimmung tatsächlich zeigt: Kontext, individuelle Passung, fehlende empirische Grundlage pauschaler Regeln. Genau diese Aspekte hätten ein sinnvoller Ausgangspunkt für weitere Differenzierung sein können.
Stattdessen wurde Andreas nicht nur persönlich, sondern auch beruflich eingeschätzt, und die Ärzteschaft insgesamt mit spürbarer Missgunst betrachtet. Damit verlagerte sich die Diskussion weg von seinen Argumenten hin zu einer Bewertung seines Berufsstandes. Das wirkte weniger wie eine sachliche Auseinandersetzung und eher wie ein Ausweichen vor unbequemen Punkten.
Besonders der männliche Host klang in manchen Momenten angespannt oder latent verärgert. Das ist menschlich – Kritik fühlt sich selten angenehm an –, aber es entstand der Eindruck, dass Rückmeldungen vor allem dann willkommen sind, wenn sie das bestehende Narrativ stützen.
Aus journalistischer Perspektive wäre eine klarere Trennung zwischen persönlicher Meinung, wirtschaftlichem Eigeninteresse und wissenschaftlicher Evidenz hilfreich. Aus psychologischer Perspektive wäre mehr Offenheit gegenüber abweichenden Sichtweisen wünschenswert, gerade weil Ihr Format grundsätzlich vom Dialog lebt.
An dieser Stelle vielleicht ein persönlicher Einordnungspunkt:
Ich podcaste selbst – mit deutlich kleinerer Reichweite, ohne finanzielles Interesse und mit dem Anspruch, nicht dogmatisch zu werden. Themen wie Dating, Psychologie und Beziehungsgestaltung beschäftige ich mich ebenfalls wissenschaftsbasiert. Gerade deshalb höre ich Ihrem Format gern zu – und genau deshalb fällt mir auf, wo Pauschalisierungen entstehen, die empirisch schwer zu halten sind.
Falls Sie Lust haben, darüber ins Gespräch zu kommen oder sogar einmal eine gemeinsame Folge aufzunehmen – gern ohne jeden ökonomischen Hintergrund, einfach im Sinne einer offenen Auseinandersetzung –, würde ich mich freuen. Austausch lebt ja davon, dass Perspektiven sich kreuzen dürfen.
Vielen Dank, dass Sie Rückmeldungen ausdrücklich einladen. Vielleicht kann dieser Impuls ein kleiner Baustein für noch mehr Offenheit und Vielfalt in Ihrem Podcast sein.