In aller Ruhe

Die Krisen überschlagen und verbinden sich: Pandemie, Klima, russischer Angriffskrieg. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz stellen die Gesellschaft vor immer neue Herausforderungen. Unsere Gesellschaft befindet sich im Umbruch. Es lohnt sich deshalb, aus der schnellen Aktualität und der eigenen Perspektive auf die Welt auszutreten. Philosophin, Publizistin und SZ-Kolumnistin Carolin Emcke spricht in diesem Podcast dafür mit Aktivistinnen, Autoren, Künstlerinnen oder Wissenschaftlern über politisch-philosophischen Fragen hinter aktuellen Ereignissen und sortiert mit ihnen große gesellschaftliche Debatten. Die Folgen erscheinen alle zwei Wochen ab dem 25. Februar 2023.

  1. „Eine Intervention in Südamerika ist eine Art Tabubruch“ – Claudia Zilla über Trumps Neoimperialismus

    4D AGO • SZ PLUS ONLY

    „Eine Intervention in Südamerika ist eine Art Tabubruch“ – Claudia Zilla über Trumps Neoimperialismus

    Die Lateinamerika-Expertin spricht im Podcast außerdem über radikale Rechte wie Argentiniens Präsident Milei und darüber, warum der globale Süden eine gerechtere internationale Ordnung braucht. Lateinamerika ist in den vergangenen Wochen eher unfreiwillig in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit gerückt. Zunächst durch die Angriffe der US-Regierung auf vermeintlich mit Drogen beladene Schnellboote aus Venezuela, dann durch die völkerrechtswidrige Entführung des Machthabers Nicolás Maduro und dessen Frau in die USA. „Mir wäre eine wohlwollende Vernachlässigung lieber, das ist eher eine negative Aufmerksamkeit“, sagt die Lateinamerika-Expertin Claudia Zilla im Gespräch mit Carolin Emcke. Der Angriff der USA habe sich zwar durch die erhöhte Militärpräsenz und die Ende 2025 in Washington veröffentlichte Sicherheitsstrategie bereits angedeutet. Überrascht habe Zilla allerdings die Offenheit der USA in Bezug auf ihren Herrschaftsanspruch: „Eine Intervention in Südamerika ist eine Art Tabubruch.“ Dazu komme die Unterstützung der USA für Populisten und radikale Rechte wie den argentinischen Präsidenten Javier Milei und den ehemaligen, inzwischen verurteilten Präsidenten Jair Bolsonaro in Brasilien. Im Fall des Argentiniers richte sich die mediale Aufmerksamkeit oft nur auf dessen Wirtschaftspolitik – dabei gefährde Milei auch die Rechtsstaatlichkeit des Landes. Sie wolle den Blick in Deutschland und Europa weiten, sagt Zilla. In Hinblick auf die neoimperiale Bedrohung der USA spricht Zilla außerdem über die Bedeutung des Mercosur-Abkommens mit der EU und darüber, wie sie sich einen gerechteren Umgang der EU mit Lateinamerika vorstellt. „Deutschland und Europa genießen ein sehr gutes Image in Lateinamerika“, sagt Zilla. Aber man brauche Gespräche auf Augenhöhe und keine „Negativagenda“ gegen China und die USA – das könne nur der Impuls für eine Zusammenarbeit sein. Claudia Zilla, geboren 1973 in Buenos Aires, ist promovierte Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Lateinamerika. Seit 2005 arbeitet sie bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Dort leitete sie von 2012 bis 2019 die Forschungsgruppe Amerika. Hinweis: Am 25. März diskutiert Carolin Emcke in Berlin mit dem SZ-Redakteur Ronen Steinke dazu, wie die Demokratie besser geschützt werden kann. Sie können live dabei sein. Alle Infos zur Veranstaltung und zum Kartenverkauf finden Sie hier: https://sz-erleben.sueddeutsche.de/pages/sz-gefahrdete-demokratie Was Claudia Zilla darüber hinaus berichtet, hören Sie mit SZ Plus im Podcast, auf sz.de, in der SZ-Nachrichtenapp und auf Spotify. Claudia Zilla empfiehlt Hannah Arendts Lessing-Rede aus dem Jahr 1959. „Menschen in finsteren Zeiten“ sei für Zilla ein Text, „der mich immer berührt“ und immer wieder intellektuelle Anregungen liefere. Darin geht es unter anderem um die politische Bedeutung von Freundschaft, die von der Pluralität der Menschen lebe. Moderation, Redaktion: Carolin Emcke Redaktionelle Betreuung: Ann-Marlen Hoolt, Justin Patchett Produktion: Imanuel Pedersen Bildrechte Cover: Claudia Zilla/Bearbeitung SZ Sie erreichen die Redaktion dieses Podcasts unter podcast@sz.de – wir freuen uns über Anregungen, Lob oder Kritik.

    1h 31m
  2. „Alles um uns herum zerbricht“ – Katja Gloger über Deutschlands Russlandpolitik

    FEB 19 • SZ PLUS ONLY

    „Alles um uns herum zerbricht“ – Katja Gloger über Deutschlands Russlandpolitik

    Den harmlosen Putin habe es nie gegeben. Die Journalistin und Russlandexpertin über strategische Fehleinschätzungen, Männerfreundschaften und Merkels Schweigen. Als Russlands Machthaber Wladimir Putin im Jahr 2001 eine Rede vor dem Bundestag hielt, präsentierte er sich als bescheidener Reformer, auf der Suche nach Demokratie. Als jemand, der Russland für Geschäfte mit dem Westen öffnen wollte und dafür in Deutschland warb. Bis heute gilt dieser Auftritt Putins manchen als Indiz dafür, dass es den anderen – harmlosen – Putin doch gegeben habe. Der Westen, so die Erzählung, habe Putin durch die Erweiterung der Nato an Russlands Grenzen in die Ecke gedrängt. Eine Argumentation, die „immer wieder verblüfft, verwirrt und in Teilen verzweifeln lässt“, sagt die Russlandexpertin und Journalistin Katja Gloger im Gespräch mit Carolin Emcke. Putin sei als ehemaliger Offizier des russischen Geheimdienstes KGB schon immer jedes Mittel Recht gewesen, die eigenen Machtinteressen durchzusetzen. „Diesen anderen Putin, so wie wir ihn sehen wollten, den gab es nicht“, sagt Gloger in der neuen Folge des Podcasts von Carolin Emcke. Der Fehler deutscher Russlandpolitik lag also nicht darin, Putin nicht die Hand zu reichen. Sondern sie ihm überhaupt anzubieten. „Diesen anderen Putin, so wie wir ihn sehen wollten, den gab es nicht.“ Katja Gloger, geboren 1960 in Koblenz, beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit Russland. Sie studierte einige Zeit lang in Moskau, arbeitete später für den Stern unter anderem als Moskau-Korrespondentin. 2010 erhielt Gloger den Henri-Nannen-Preis (den heutigen Stern-Preis). Heute arbeitet sie aus Hamburg als freie Journalistin und schreibt über Russland und Sicherheitspolitik. In ihrem zuletzt erschienenen Buch „Das Versagen“ arbeitete Gloger gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Investigativjournalisten Georg Mascolo, die deutsche Russlandpolitik auf. Hinweis: Am 25. März diskutiert Carolin Emcke mit dem SZ-Redakteur Ronen Steinke in Berlin darüber, wie die Demokratie besser geschützt werden kann. Dabei können Sie live dabei sein. Alles Infos zur Veranstaltung und zum Kartenverkauf finden Sie auf SZ.de Im Podcast spricht Katja Gloger über die strategischen Fehleinschätzungen und Illusionen, die jahrelang die deutsche Russlandpolitik geprägt haben. So haben etwa Politiker wie Gerhard Schröder und Angela Merkel gehofft, dass enge wirtschaftliche Verflechtungen mit Russland zu einer Demokratisierung des Landes führe. Doch diese Annahme habe sich, genau wie der Glauben daran, dass Wladimir Putin als rationaler Nutzenmaximierer agiert und deswegen keinen Angriffskrieg führen wird, als falsch herausgestellt. Eine frühere Unterstützung der Ukrainer – zum Beispiel als Russland 2014 die Halbinsel Krim völkerrechtswidrig annektierte – hätte laut Gloger die Verhältnisse zugunsten der Ukrainer verändern können und müssen. Doch „jetzt stehen wir da und alles um uns herum zerbricht“. Was Katja Gloger als Lehre aus der Geschichte fordert, hören Sie mit SZ Plus im Podcast, hier auf sz.de, in der SZ-Nachrichtenapp und auf Spotify. Katja Gloger empfiehlt ein Buch all jenen, die sich mit Russland und der Geschichte des Landes beschäftigen oder dies tun möchten. In Swetlana Alexijewitschs „Secondhand-Zeit“ komme ein Chor von Stimmen zu Wort, „in all ihrer Verzweiflung, ihrer Hoffnung und ihrem Alltag, den die Menschen dann am Ende so meisterhaft und mit diesem alltäglichen Mut bestehen“. Das sei ebenso rührend wie lehrreich. „Schlicht wunderbare Literatur.“ Moderation, Redaktion: Carolin Emcke Redaktionelle Betreuung: Ann-Marlen Hoolt, Justin Patchett Produktion: Imanuel Pedersen Bildrechte Cover: Hans-Jürgen Burkard/Bearbeitung SZ Hinweis: Katja Glogers Mitautor Georg Mascolo leitete von 2014 bis 2022 den Rechercheverbund des NDR, des WDR und der „Süddeutschen Zeitung“. Sie erreichen die Redaktion dieses Podcasts unter podcast@sz.de – wir freuen uns über Anregungen, Lob oder Kritik.

    1h 38m
  3. „Auch ein Staatsverbrechen“ – Manuela Bauche bei Carolin Emcke über die Erinnerung an Kolonialismus

    FEB 5 • SZ PLUS ONLY

    „Auch ein Staatsverbrechen“ – Manuela Bauche bei Carolin Emcke über die Erinnerung an Kolonialismus

    Gehört der deutsche Kolonialismus in die Gedenkstättenkonzeption des Bundes? Die Historikerin Manuela Bauche sagt: Ja. Sie plädiert für ein solidarisches Erinnern. Die Bundesregierung hat im November ein neues Konzept für das Gedenken an NS-Verbrechen und die SED-Diktatur vorgelegt. Die ehemalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth hatte vorgesehen, dass auch die Erinnerung an den deutschen Kolonialismus Teil dieses Konzepts sein soll. Doch ihr Nachfolger Wolfram Weimer hat den Passus gestrichen. Der deutsche Kolonialismus ist nun also kein Teil der neuen Gedenkstättenkonzeption. Dieser Schritt hat eine Debatte über die Notwendigkeit multidirektionaler Erinnerung ausgelöst. Stellt das Gedenken an unterschiedliche Unrechtssysteme die Singularität des Holocaust infrage, wie es Kulturstaatsminister Weimer befürchtet? Darüber spricht Publizistin Carolin Emcke in dieser Podcastfolge mit der Historikerin Manuela Bauche. Sie leitet den Erinnerungsort Ihnestraße, der die Geschichte des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik aufarbeitet. Bauche, geboren 1977, forscht an der FU Berlin zur Geschichte der Lebenswissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts. Dabei beschäftigt sie sich mit den Verbindungen unterschiedlicher Unrechts- und Gewaltgeschichten. Im Podcast kritisiert Manuela Bauche die neue Gedenkstättenkonzeption als „unglaublichen Rückschritt“. Die Begründung des Kulturstaatsministers, dass eine Gedenkstättenkonzeption, die auch die Erinnerung an den Kolonialismus beinhaltet, die Singularität des Holocaust infrage stelle, hält sie nicht für schlüssig. Es sei so, „dass durch die Erinnerungen ein Unrecht des anderen nicht grundsätzlich verwischt wird“. Die Historikerin argumentiert, dass es viele Vorteile hat, unterschiedliche Unrechtssysteme parallel in den Blick zu nehmen. Nur so könnten Kontinuitäten und Gemeinsamkeit sichtbar gemacht werden. „Bei der Sorge um den Verlust der Singularität geht es ja eigentlich um die Sorge einer Gleichsetzung. Es fordert aber niemand eine Gleichsetzung.“ Bauche plädiert für ein „solidarisches Erinnern“, das „nicht in Konkurrenz zueinander tritt und gegenseitige Bezüge zueinander erlaubt“. Warum das die Debatte um Erinnern und Gedenken bereichern könnte, hören Sie mit SZ Plus im Podcast – auf sz.de, in der SZ-Nachrichtenapp und hier auf Spotify. Manuela Bauche empfiehlt das Buch „Eine runde Sache“. Tomar Gardi stellt darin zwei sehr unterschiedliche Geschichten gegenüber, die sich beide mit Fragen von Freiheit und Unfreiheit beschäftigen. Die eine Geschichte beginnt als absurdes Märchen – und endet in einer Art Untergangsparabel; die andere handelt vom Leben eines immer reisenden Künstlers. „Es geht ganz viel um Zugehörigkeit, Suche nach Ankommen, es geht um Sprache“, fasst Bauche zusammen. „Es ist ein wunderbares Buch, und ich war hoch beeindruckt.“ Moderation, Redaktion: Carolin Emcke Redaktionelle Betreuung: Ann-Marlen Hoolt Produktion: Imanuel Pedersen Bildrechte Cover: Manuela Bauche/Bearbeitung SZ Sie erreichen die Redaktion dieses Podcasts unter podcast@sz.de – wir freuen uns über Anregungen, Lob oder Kritik.

    1h 23m
  4. „Außerplanetarisch“ – Luisa Neubauer bei Carolin Emcke über die Antarktis

    JAN 22 • SZ PLUS ONLY

    „Außerplanetarisch“ – Luisa Neubauer bei Carolin Emcke über die Antarktis

    Die Antarktis ist der südlichste Kontinent der Erde und fast vollständig von dickem Eis bedeckt. Die Natur hier ist in Teilen noch völlig unberührt. Damit das auch so bleibt, ist die Antarktis international geschützt. Der Kontinent wurde in den 1990er-Jahren zum Naturreservat erklärt, was sowohl militärische Aktivitäten als auch den Abbau von Rohstoffen verbietet. Auch die Fischerei ist stark reguliert. Was bedeutet dieser umfassende Schutz für das Ökosystem in der Antarktis? Darüber spricht Publizistin Carolin Emcke im Podcast mit der Klimaaktivistin Luisa Neubauer, die sich zum Zeitpunkt der Aufnahme auf einem Forschungsschiff in der Antarktis befand. Luisa Neubauer, geboren 1996 in Hamburg, ist eine der einflussreichsten Stimmen in der deutschen Klimabewegung. Zudem ist sie Podcasterin, Geografie-Studentin und außerdem Autorin mehrerer Bücher. Zuletzt ist „Was wäre, wenn wir mutig sind“ erschienen, worin sie Machtkämpfe hinter der Klimakrise analysiert. Im Podcast mit Carolin Emcke schildert Neubauer die strengen Regeln und Genehmigungsverfahren, die sie und die Crew des Forschungsschiffes einhalten müssen, um sich überhaupt in dieser geschützten Welt aufhalten zu dürfen. Ein Vorgehen, das essenziell für den Erhalt des Kontinents ist und gleichzeitig auch daran erinnere, wie wenige Regeln es andernorts im Umgang mit der Natur gibt. „Hier als Menschen einfach nur zu gucken, ohne kaputtzumachen, ohne einzugreifen, ohne umzuändern, was hier eigentlich ökologisch selbständig funktionieren soll – das sind wir in keiner Weise gewohnt.“ Die Klimaaktivistin erzählt im Gespräch auch von der Faszination und Demut, die sie angesichts der gewaltigen Natur spürt, sowie der Erkenntnis, wie wenig wir eigentlich über die Antarktis wissen. „Ich glaube, ich habe noch nie im Leben einen Moment erlebt, bei dem ich so sehr das Gefühl hatte: Ich komme in einer anderen Welt an.“ Carolin Emcke und Luisa Neubauer sprechen auch über das „Globale Klassenzimmer“, eine Aktion von „Mission Antarctica“, an der sich die Klimaaktivistin beteiligt. In digitalen Schulstunden, für die sich deutsche Schulen vorab bewerben konnten, spricht Neubauer zu mehreren Tausend Schülern über das Ökosystem der Antarktis. „Das waren solche Bereicherungen, ein solches Glück, kurz die Welt einzuladen.“ Ziel der Aktion ist es, das Verständnis für die Bedeutung des Kontinents zu fördern. Was Luisa Neubauer darüber hinaus noch im Podcast erzählt und wie man sich verhält, wenn man auf eine Pinguin-Kolonie trifft, hören Sie mit SZ Plus auf sz.de, in der SZ-Nachrichtenapp und auf Spotify. Empfehlung von Luisa Neubauer: Statt eines Buchs, eines Films oder eines Theaterstücks zu empfehlen, rät Luisa Neubauer, die Natur bewusst wahrzunehmen, das Handy wegzulegen und den Vögeln zuzuhören. „Was ich zuletzt gesehen und gehört habe, was mich beglückt und begeistert hat, war ein ganz einsamer Vogel“, sagt die Aktivistin. Und sie rät, dass sich die Geräusche der Natur am besten genießen lassen, wenn man die Augen schließt. Moderation, Redaktion: Carolin Emcke Redaktionelle Betreuung: Ann-Marlen Hoolt Produktion: Imanuel Pedersen Bildrechte Cover: Marin Le Roux / PolaRYSE / Team Malizia/Bearbeitung SZ Sie erreichen die Redaktion dieses Podcasts unter podcast@sz.de – wir freuen uns über Anregungen, Lob oder Kritik.

    1h 23m

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