EVOMENTIS - Neurodiversität, ADHS, Autismus und darüber hinaus

Mathias Küfner

Dein Podcast zu Neurodiversität, Evolutionärer Psychologie, Gesellschaft, Philosophie und mentaler Entwicklung www.evomentis.de

  1. 3d ago

    ⚡Krankschreibung ab Tag 1: Warum Kontrolle Neurodivergente länger krank machen kann

    In dieser Zwischenepisode sprechen wir über die geplante Änderung bei Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und darüber, was es bedeuten würde, wenn wir ab dem ersten Krankheitstag ein Attest bräuchten. Wir ordnen die bisherige Regelung ein, nach der eine AU meist erst nach einigen Tagen nötig ist, und vergleichen das mit den seit Corona möglichen telefonischen Krankschreibungen. Ein Schwerpunkt liegt auf den Folgen für Neurodivergente, vor allem für Menschen mit ADHS, Autismus und ähnlichen Profilen. Wir beschreiben, dass viele von uns ohnehin schon unter hoher Grundlast arbeiten, oft in reizintensiven oder stark strukturierten Umgebungen, und bei zusätzlichen Belastungen wie Infekten, Schlafmangel, Zyklusbeschwerden oder privatem Stress schneller an Grenzen kommen. Wir erklären, dass kurze Erholungsphasen oft sinnvoll sind, weil aus einem oder zwei Tagen Ausfall sonst leicht längere Krankheitsphasen werden können. Gleichzeitig kritisieren wir die Annahme, viele würden nur „blau machen“, und stellen dem gegenüber, dass viele Betroffene aus Verantwortungsgefühl arbeiten wollen und sich trotz Beschwerden oft zu lange durchbeißen. Ein weiterer Punkt ist die Belastung für Hausarztpraxen. Wir gehen davon aus, dass mehr Menschen bei leichteren Beschwerden in die Praxen gehen würden, was zu mehr Wartezeiten, mehr Druck auf Ärztinnen und Ärzte und zu eher pauschalen, längeren Krankschreibungen führen könnte. Das könnte nach unserer Einschätzung am Ende mehr Krankheitstage und mehr Bürokratie erzeugen. Zum Schluss sprechen wir über mögliche Folgen für Betriebe, insbesondere für kleinere Unternehmen, sowie über den Vertrauensverlust zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Wir kündigen an, dass in kommenden Folgen weitere Themen wie ADHS, Autismus, PDA, Beziehungsökonomie und Fragen eines besseren Umfelds für Neurodivergente behandelt werden.

  2. Jun 27

    Reiz und Reaktion: Wie frei ist unser Wille wirklich?

    In dieser Folge knüpfen wir an die vorherige Episode über Stress als Dauerzustand an. Wir sprechen darüber, dass uns oft Sicherheitssignale fehlen und wir dadurch in Alarmbereitschaft bleiben. Darauf aufbauend greifen wir die frühere Folge zum Grübeln wieder auf und ordnen das Thema neu ein. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis von Reiz und Reaktion. Wir diskutieren das bekannte Zitat vom Raum zwischen beiden und fragen, wie viel Freiheit in diesem Raum tatsächlich liegt. Dabei betonen wir, dass viele Reaktionen automatisch ablaufen und nicht einfach eine klare Kette aus Reiz und bewusster Entscheidung sind. Wir unterscheiden zwischen Grübeln und Reflexion. Beides beginnt mit dem Nachdenken über Erlebnisse außerhalb der akuten Situation, etwa über vergangene Gespräche oder Fehlentscheidungen. Grübeln beschreiben wir als Wiederholen ohne Lösung, Reflexion dagegen als Nachdenken, das zu Einsicht und Veränderung führt. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Frage, warum wir überhaupt nachträglich über Situationen nachdenken. Wir erklären das mit Automatismen, begrenzter Zeit, begrenzter Energie und der Notwendigkeit, viele alltägliche Abläufe ohne ständige bewusste Entscheidung zu bewältigen. Gleichzeitig zeigen wir, wie Rückblick und neue Informationen dazu führen können, dass wir frühere Reaktionen später anders bewerten. Wir ordnen das Ganze außerdem mit einer Firmenmetapher: Die bewusste Kognition ist wie die Chefetage, während viele andere Prozesse automatisch in den unteren Ebenen laufen. Grübeln und Reflexion dienen dann dazu, diese Abläufe zu überprüfen, zu trainieren und für zukünftige Situationen bessere „Hinweisschilder“ oder Regeln aufzubauen. Zum Schluss sprechen wir noch über freie Wille, Impulskontrolle und das Libet-Experiment. Wir erwähnen die moderne Lesart, nach der sich Handlungstendenzen im Gehirn vorbereiten, bevor sie bewusst werden, aber noch unterbrochen werden können. Abschließend verknüpfen wir das mit dem Gefühl von Agency, also dem Erleben von Kontrolle über das eigene Handeln.

    1h 3m
  3. Jun 20

    Angst braucht keinen Auslöser: Warum Sicherheit erst hergestellt werden muss

    In dieser Folge sprechen wir über die Generalized Unsafety Theory of Stress, kurz GUTS, ein Modell aus dem Jahr 2016. Wir ordnen die Theorie evolutionspsychologisch, neurobiologisch und stressphysiologisch ein und zeigen, dass sie Stress und Angst nicht als reine Reaktion auf konkrete Gefahr versteht, sondern als Folge fehlender Sicherheitssignale. Wir gehen dabei der Frage nach, warum Unsicherheit selbst Stress auslösen kann. Nach diesem Modell ist Stress kein Ausnahmezustand, sondern eher der Grundzustand, der nur durch empfundene Sicherheit aktiv gehemmt wird. Entscheidend ist also nicht nur, ob tatsächlich Gefahr vorliegt, sondern ob genügend Hinweise vorhanden sind, die dem Nervensystem signalisieren, dass Entwarnung möglich ist. An Beispielen wie Dunkelheit, Nebel, einer stehen gebliebenen S-Bahn oder einer unklaren sozialen Situation machen wir deutlich, dass fehlende Vorhersagbarkeit bereits Stress erzeugen kann. Das Gehirn wird hier als Vorhersageorgan beschrieben, das laufend einschätzt, was als Nächstes passiert. Wenn diese Orientierung fehlt, entstehen Unsicherheit, Angst und Anspannung. Wir übertragen das Modell auch auf frühe Kindheit, Trauma, komplexe Traumafolgestörungen, soziale Unsicherheit, Einsamkeit und neurodivergente Erfahrungen. Besonders betonen wir, dass Sicherheit nicht nur kognitiv verstanden, sondern emotional und körperlich erlebt werden muss. Dazu gehören Vorhersagbarkeit, Verlässlichkeit, Kompetenz anderer, soziale Einbettung und Autonomie. Zum Schluss sprechen wir über mögliche therapeutische Konsequenzen. Wir halten fest, dass nicht nur nach konkreten Auslösern gesucht werden sollte, sondern vor allem nach fehlenden Sicherheitsfaktoren. Sicherheitssignale, Orientierung und die Erfahrung, auch bei Fehlern handlungsfähig zu bleiben, stehen dabei im Mittelpunkt.

  4. Jun 13

    EDHD: Das ADHS-Modell, das Hyperfokus endlich mit erklärt

    In dieser Folge sprechen wir über eine neue Studie, die ADHS nicht primär als Aufmerksamkeitsdefizit beschreibt, sondern ein Modell von Energie- und Stoffwechselregulation vorschlägt. Dabei wird der Begriff EDHD geprägt, also „Energy Deficit Hyperactivity Disorder“. Wir ordnen diese Idee als wissenschaftlichen, aber noch nicht diagnostisch anerkannten Begriff ein. Im Mittelpunkt steht die These, dass Konzentration, Exekutivfunktionen und Hyperaktivität stark vom jeweiligen Energiezustand abhängen. Wir beschreiben, dass Aufmerksamkeit bei ADHS nicht grundsätzlich fehlt, sondern situativ verfügbar ist. Hyperaktivität, Fidgeting, Task-Switching und Rückzug werden als Strategien verstanden, um unter Belastung Energie zu kompensieren oder aufrechtzuerhalten. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Mitochondrien und der ATP-Verfügbarkeit in Gehirnzellen. Die Folge erklärt, dass ATP als unmittelbare Energiequelle dient und bei neurodivergenten Personen an manchen Stellen weniger stabil verfügbar sein kann. Daraus leiten wir ab, dass Leistungsfähigkeit nicht nur von Willenskraft abhängt, sondern auch von Erholung, Belastung, Kontext und körperlicher Energieversorgung. Wir gehen außerdem darauf ein, dass das Modell Überschneidungen mit Schlafproblemen, Burnout, Depression, Angst und neuroinflammatorischen Prozessen besser einordnen kann. Die Folge betont, dass sichtbare Leistungsfähigkeit Erschöpfung oft verdecken kann und dass kurzfristige Hochleistung nicht mit dauerhafter Belastbarkeit verwechselt werden sollte. Abschließend wird die Studie als wichtiger neuer wissenschaftlicher Rahmen vorgestellt, der bestehende Erklärungen zu ADHS ergänzt und teilweise korrigiert. Wir sehen darin ein Modell, das Betroffenen- გამოცდილungen besser abbilden kann, auch wenn es noch weiter validiert werden muss.

  5. May 30

    Warum Neurodivergente und Neurotypische so oft aneinander vorbeireden

    In dieser Folge sprechen wir über Kommunikationsmuster und darüber, wie neurodivergente und neurotypische Menschen oft aneinander vorbeireden. Wir ordnen das Thema in unser Grundthema Neurodivergenz ein und machen deutlich, dass es dabei um Perspektiven rund um Autismus, ADHS und verwandte Bereiche geht. Wir arbeiten mit vereinfachten Begriffen wie NeurXA und NeurXM, um unterschiedliche Tendenzen zu beschreiben. Dabei betonen wir, dass es sich nicht um feste Typen handelt, sondern um Modelle zur Orientierung. Kommunikation wird hier als etwas beschrieben, das je nach Kontext unterschiedliche Gewichtungen haben kann. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Gegensatz zwischen sachbezogener und sozial-hierarchischer Kommunikation. Wir beschreiben, dass NeurXA-Menschen eher direkt, informationsorientiert und auf Verständnis ausgerichtet kommunizieren, während bei NeurXM-Menschen soziale Signale, Status, Beziehungspflege und indirekte Formulierungen stärker mitlaufen. Dazu zählen Smalltalk, vorsichtige Andeutungen und verklausulierte Wünsche. Wir erläutern, dass solche Formen für NeurXM oft normal und funktional sind, von NeurXA aber leicht als unklar, ineffizient oder manipulativ erlebt werden können. Umgekehrt kann direkte Kommunikation auf neurotypischer Seite als hart oder bedrohlich wahrgenommen werden. Wir gehen auch auf Warum-Fragen, Kritik, Lob und Missverständnisse ein. Wir beschreiben, dass NeurXA-Menschen häufig verstehen wollen, warum etwas so ist, um handlungsfähig zu werden, während NeurXM das eher als Infragestellen lesen kann. Ebenso betonen wir, dass positives Feedback für viele neurodivergente Menschen wichtig ist und fehlendes Lob zu Selbstzweifeln, Rückzug und Überlastung führen kann. Am Ende verknüpfen wir das mit größeren Fragen zu Gesellschaft, Hierarchien, Anpassung, Masking und schriftlicher Kommunikation. Wir kündigen an, dass wir das Thema weiter aufgreifen und auch andere Aspekte von Neurodivergenz in späteren Folgen behandeln werden.

  6. May 23

    Roter Alarm im Nervensystem - Die 10 F

    In dieser Folge sprechen wir über Alarmzustände beim Menschen und vergleichen sie mit einem Schiff im roten Alarm. Wir erklären, warum solche Zustände dazu dienen, auf unmittelbare Gefahren schnell zu reagieren, und warum dabei andere Funktionen wie Essen, Ruhe oder komplexes Denken in den Hintergrund treten. Wir ordnen das Thema in den größeren Kontext des Podcasts ein: Neurodivergenz, Trauma-Folgestörungen, psychologische, neurologische und gesellschaftliche Zusammenhänge. Dabei behandeln wir auch die evolutionäre Perspektive und das klassische Beispiel der Bedrohung durch einen Säbelzahntiger, um zu zeigen, dass Alarmreaktionen nicht nur auf alte Gefahren, sondern auch auf heutige Bedrohungen anwendbar sind. Ein Schwerpunkt liegt auf den Stressachsen SAM und HPA. Wir unterscheiden die schnelle, akute Alarmreaktion mit körperlicher Aktivierung von der langsameren, länger anhaltenden Stressreaktion. Dazu gehören unter anderem erhöhte Wachheit, mehr Energie für den Körper und eine stärkere Belastung durch Cortisol, vor allem wenn der Zustand chronisch wird. Anschließend besprechen wir die typischen Reaktionsmuster Fight, Flight, Freeze, Flop und Fawn sowie weitere Varianten wie Fip, Funster, Fantasy, Forget und Flood. Diese Reaktionen beschreiben unterschiedliche Arten, mit Bedrohung, Überforderung oder sozialem Druck umzugehen, etwa durch Kampf, Flucht, Erstarren, Beschwichtigen, Ablenkung, inneren Rückzug, Vergessen oder emotionales Überfluten. Zum Schluss geht es um die Folgen dauerhafter Stressbelastung. Wir erwähnen Burnout, Erschöpfung, Depressionen und körperliche Belastungen sowie den Zusammenhang zwischen Stress, Entzündungen und psychischer Gesundheit. Dabei betonen wir auch, dass insbesondere neurodivergente Menschen in ungeeigneten Umfeldern häufiger in einen dauerhaften Alarmzustand geraten können.

  7. May 16

    Bottom-Up Processing: Autistisch gut im Kontakt -mit allen Details

    In dieser Folge greifen wir ein früheres Thema auf und widersprechen der einfachen Vorstellung, Menschen im Autismus-Spektrum würden soziale Interaktion nur kognitiv „emulieren“. Wir beschreiben stattdessen die These, dass wir oft besonders stark mit sensorischen Eindrücken, inneren Zuständen und Kontexten verbunden sind, diese Eindrücke aber nicht einfach nach außen in allgemeine soziale Regeln übersetzen können. Wir stellen zwei grobe Denkweisen gegenüber: ein eher top-down geprägtes, neurotypisches Vorgehen und ein eher bottom-up geprägtes Vorgehen im neurodivergenten Bereich. Dabei erklären wir, dass wir häufig von vielen Details, Wahrnehmungen und Mustern ausgehen, diese analysieren und erst dann zu Schlussfolgerungen kommen. Das kann zu Konflikten mit abstrakten gesellschaftlichen Erwartungen führen, die wenig Rücksicht auf konkrete Situationen nehmen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die soziale und emotionale Selbstwahrnehmung. Wir beschreiben, dass wir komplexe, gleichzeitig vorhandene Gefühle und Körperempfindungen oft sehr differenziert wahrnehmen, diese aber im Alltag oder in Gesprächen auf pauschale Antworten reduzieren sollen. Genau diese Vereinfachung kann zu Missverständnissen, Maskierung und dem Gefühl führen, die eigene Wahrnehmung sei falsch. Zum Schluss ordnen wir das als mögliche Erklärung für Erschöpfung, Masking und Imposter-Gefühle ein. Wir betonen, dass wir uns in vielen Situationen ständig übersetzen und anpassen müssen, um in einem System mit abstrakten Regeln zu funktionieren, auch wenn unsere eigene Wahrnehmung deutlich komplexer ist.

    1h 4m

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