EVOMENTIS - Neurodiversität, ADHS, Autismus und darüber hinaus

Mathias Küfner

Dein Podcast zu Neurodiversität, Evolutionärer Psychologie, Gesellschaft, Philosophie und mentaler Entwicklung www.evomentis.de

  1. 6d ago

    Angst braucht keinen Auslöser: Warum Sicherheit erst hergestellt werden muss

    In dieser Folge sprechen wir über die Generalized Unsafety Theory of Stress, kurz GUTS, ein Modell aus dem Jahr 2016. Wir ordnen die Theorie evolutionspsychologisch, neurobiologisch und stressphysiologisch ein und zeigen, dass sie Stress und Angst nicht als reine Reaktion auf konkrete Gefahr versteht, sondern als Folge fehlender Sicherheitssignale. Wir gehen dabei der Frage nach, warum Unsicherheit selbst Stress auslösen kann. Nach diesem Modell ist Stress kein Ausnahmezustand, sondern eher der Grundzustand, der nur durch empfundene Sicherheit aktiv gehemmt wird. Entscheidend ist also nicht nur, ob tatsächlich Gefahr vorliegt, sondern ob genügend Hinweise vorhanden sind, die dem Nervensystem signalisieren, dass Entwarnung möglich ist. An Beispielen wie Dunkelheit, Nebel, einer stehen gebliebenen S-Bahn oder einer unklaren sozialen Situation machen wir deutlich, dass fehlende Vorhersagbarkeit bereits Stress erzeugen kann. Das Gehirn wird hier als Vorhersageorgan beschrieben, das laufend einschätzt, was als Nächstes passiert. Wenn diese Orientierung fehlt, entstehen Unsicherheit, Angst und Anspannung. Wir übertragen das Modell auch auf frühe Kindheit, Trauma, komplexe Traumafolgestörungen, soziale Unsicherheit, Einsamkeit und neurodivergente Erfahrungen. Besonders betonen wir, dass Sicherheit nicht nur kognitiv verstanden, sondern emotional und körperlich erlebt werden muss. Dazu gehören Vorhersagbarkeit, Verlässlichkeit, Kompetenz anderer, soziale Einbettung und Autonomie. Zum Schluss sprechen wir über mögliche therapeutische Konsequenzen. Wir halten fest, dass nicht nur nach konkreten Auslösern gesucht werden sollte, sondern vor allem nach fehlenden Sicherheitsfaktoren. Sicherheitssignale, Orientierung und die Erfahrung, auch bei Fehlern handlungsfähig zu bleiben, stehen dabei im Mittelpunkt.

  2. Jun 13

    EDHD: Das ADHS-Modell, das Hyperfokus endlich mit erklärt

    In dieser Folge sprechen wir über eine neue Studie, die ADHS nicht primär als Aufmerksamkeitsdefizit beschreibt, sondern ein Modell von Energie- und Stoffwechselregulation vorschlägt. Dabei wird der Begriff EDHD geprägt, also „Energy Deficit Hyperactivity Disorder“. Wir ordnen diese Idee als wissenschaftlichen, aber noch nicht diagnostisch anerkannten Begriff ein. Im Mittelpunkt steht die These, dass Konzentration, Exekutivfunktionen und Hyperaktivität stark vom jeweiligen Energiezustand abhängen. Wir beschreiben, dass Aufmerksamkeit bei ADHS nicht grundsätzlich fehlt, sondern situativ verfügbar ist. Hyperaktivität, Fidgeting, Task-Switching und Rückzug werden als Strategien verstanden, um unter Belastung Energie zu kompensieren oder aufrechtzuerhalten. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Mitochondrien und der ATP-Verfügbarkeit in Gehirnzellen. Die Folge erklärt, dass ATP als unmittelbare Energiequelle dient und bei neurodivergenten Personen an manchen Stellen weniger stabil verfügbar sein kann. Daraus leiten wir ab, dass Leistungsfähigkeit nicht nur von Willenskraft abhängt, sondern auch von Erholung, Belastung, Kontext und körperlicher Energieversorgung. Wir gehen außerdem darauf ein, dass das Modell Überschneidungen mit Schlafproblemen, Burnout, Depression, Angst und neuroinflammatorischen Prozessen besser einordnen kann. Die Folge betont, dass sichtbare Leistungsfähigkeit Erschöpfung oft verdecken kann und dass kurzfristige Hochleistung nicht mit dauerhafter Belastbarkeit verwechselt werden sollte. Abschließend wird die Studie als wichtiger neuer wissenschaftlicher Rahmen vorgestellt, der bestehende Erklärungen zu ADHS ergänzt und teilweise korrigiert. Wir sehen darin ein Modell, das Betroffenen- გამოცდილungen besser abbilden kann, auch wenn es noch weiter validiert werden muss.

  3. May 30

    Warum Neurodivergente und Neurotypische so oft aneinander vorbeireden

    In dieser Folge sprechen wir über Kommunikationsmuster und darüber, wie neurodivergente und neurotypische Menschen oft aneinander vorbeireden. Wir ordnen das Thema in unser Grundthema Neurodivergenz ein und machen deutlich, dass es dabei um Perspektiven rund um Autismus, ADHS und verwandte Bereiche geht. Wir arbeiten mit vereinfachten Begriffen wie NeurXA und NeurXM, um unterschiedliche Tendenzen zu beschreiben. Dabei betonen wir, dass es sich nicht um feste Typen handelt, sondern um Modelle zur Orientierung. Kommunikation wird hier als etwas beschrieben, das je nach Kontext unterschiedliche Gewichtungen haben kann. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Gegensatz zwischen sachbezogener und sozial-hierarchischer Kommunikation. Wir beschreiben, dass NeurXA-Menschen eher direkt, informationsorientiert und auf Verständnis ausgerichtet kommunizieren, während bei NeurXM-Menschen soziale Signale, Status, Beziehungspflege und indirekte Formulierungen stärker mitlaufen. Dazu zählen Smalltalk, vorsichtige Andeutungen und verklausulierte Wünsche. Wir erläutern, dass solche Formen für NeurXM oft normal und funktional sind, von NeurXA aber leicht als unklar, ineffizient oder manipulativ erlebt werden können. Umgekehrt kann direkte Kommunikation auf neurotypischer Seite als hart oder bedrohlich wahrgenommen werden. Wir gehen auch auf Warum-Fragen, Kritik, Lob und Missverständnisse ein. Wir beschreiben, dass NeurXA-Menschen häufig verstehen wollen, warum etwas so ist, um handlungsfähig zu werden, während NeurXM das eher als Infragestellen lesen kann. Ebenso betonen wir, dass positives Feedback für viele neurodivergente Menschen wichtig ist und fehlendes Lob zu Selbstzweifeln, Rückzug und Überlastung führen kann. Am Ende verknüpfen wir das mit größeren Fragen zu Gesellschaft, Hierarchien, Anpassung, Masking und schriftlicher Kommunikation. Wir kündigen an, dass wir das Thema weiter aufgreifen und auch andere Aspekte von Neurodivergenz in späteren Folgen behandeln werden.

  4. May 23

    Roter Alarm im Nervensystem - Die 10 F

    In dieser Folge sprechen wir über Alarmzustände beim Menschen und vergleichen sie mit einem Schiff im roten Alarm. Wir erklären, warum solche Zustände dazu dienen, auf unmittelbare Gefahren schnell zu reagieren, und warum dabei andere Funktionen wie Essen, Ruhe oder komplexes Denken in den Hintergrund treten. Wir ordnen das Thema in den größeren Kontext des Podcasts ein: Neurodivergenz, Trauma-Folgestörungen, psychologische, neurologische und gesellschaftliche Zusammenhänge. Dabei behandeln wir auch die evolutionäre Perspektive und das klassische Beispiel der Bedrohung durch einen Säbelzahntiger, um zu zeigen, dass Alarmreaktionen nicht nur auf alte Gefahren, sondern auch auf heutige Bedrohungen anwendbar sind. Ein Schwerpunkt liegt auf den Stressachsen SAM und HPA. Wir unterscheiden die schnelle, akute Alarmreaktion mit körperlicher Aktivierung von der langsameren, länger anhaltenden Stressreaktion. Dazu gehören unter anderem erhöhte Wachheit, mehr Energie für den Körper und eine stärkere Belastung durch Cortisol, vor allem wenn der Zustand chronisch wird. Anschließend besprechen wir die typischen Reaktionsmuster Fight, Flight, Freeze, Flop und Fawn sowie weitere Varianten wie Fip, Funster, Fantasy, Forget und Flood. Diese Reaktionen beschreiben unterschiedliche Arten, mit Bedrohung, Überforderung oder sozialem Druck umzugehen, etwa durch Kampf, Flucht, Erstarren, Beschwichtigen, Ablenkung, inneren Rückzug, Vergessen oder emotionales Überfluten. Zum Schluss geht es um die Folgen dauerhafter Stressbelastung. Wir erwähnen Burnout, Erschöpfung, Depressionen und körperliche Belastungen sowie den Zusammenhang zwischen Stress, Entzündungen und psychischer Gesundheit. Dabei betonen wir auch, dass insbesondere neurodivergente Menschen in ungeeigneten Umfeldern häufiger in einen dauerhaften Alarmzustand geraten können.

  5. May 16

    Bottom-Up Processing: Autistisch gut im Kontakt -mit allen Details

    In dieser Folge greifen wir ein früheres Thema auf und widersprechen der einfachen Vorstellung, Menschen im Autismus-Spektrum würden soziale Interaktion nur kognitiv „emulieren“. Wir beschreiben stattdessen die These, dass wir oft besonders stark mit sensorischen Eindrücken, inneren Zuständen und Kontexten verbunden sind, diese Eindrücke aber nicht einfach nach außen in allgemeine soziale Regeln übersetzen können. Wir stellen zwei grobe Denkweisen gegenüber: ein eher top-down geprägtes, neurotypisches Vorgehen und ein eher bottom-up geprägtes Vorgehen im neurodivergenten Bereich. Dabei erklären wir, dass wir häufig von vielen Details, Wahrnehmungen und Mustern ausgehen, diese analysieren und erst dann zu Schlussfolgerungen kommen. Das kann zu Konflikten mit abstrakten gesellschaftlichen Erwartungen führen, die wenig Rücksicht auf konkrete Situationen nehmen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die soziale und emotionale Selbstwahrnehmung. Wir beschreiben, dass wir komplexe, gleichzeitig vorhandene Gefühle und Körperempfindungen oft sehr differenziert wahrnehmen, diese aber im Alltag oder in Gesprächen auf pauschale Antworten reduzieren sollen. Genau diese Vereinfachung kann zu Missverständnissen, Maskierung und dem Gefühl führen, die eigene Wahrnehmung sei falsch. Zum Schluss ordnen wir das als mögliche Erklärung für Erschöpfung, Masking und Imposter-Gefühle ein. Wir betonen, dass wir uns in vielen Situationen ständig übersetzen und anpassen müssen, um in einem System mit abstrakten Regeln zu funktionieren, auch wenn unsere eigene Wahrnehmung deutlich komplexer ist.

    1h 4m
  6. May 2

    Wenn Dein Weltbild nach der Diagnose eine Überarbeitung braucht

    In dieser Episode von Evo Mentis tauche ich tief in die Fragestellungen und Empfindungen ein, die viele Menschen im Kontext von Neurodivergenz erleben. Ich beginne mit der Überlegung, ob unser alltägliches Leben nicht doch viel merkwürdiger und komplexer ist, als es den Anschein hat. Es geht um das Gefühl, als ob eine verborgene Realität hinter unseren Erfahrungen steckt, die wir manchmal nicht richtig erfassen können. Ich stelle grundlegende Konzepte wie magisches und agentisches Denken vor, und wie diese in der menschlichen Evolution verwurzelt sind. Diese Überlegungen führen uns zu den faszinierenden Themen rund um Paranoia und Verschwörungstheorien, die oft als ein verzweifelter Versuch interpretiert werden, Sinn in das Unerklärliche zu finden. Ich beleuchte die relativen Lebenswelten von Neurodivergenten und das Empfinden als „Alien“ in einer für sie oft unverständlichen Realität. Es wird klar, dass viele Menschen, die sich als anders wahrnehmen, häufig lange auf der Suche nach Erklärungen und Diagnosen sind, die ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen validieren. Das Gespräch wandert weiter zu den Herausforderungen, denen sich Neurodivergente gegenübersehen, wenn sie versuchen, eine Diagnose zu erhalten, einschließlich der damit verbundenen bürokratischen Hürden und emotionalen Belastungen. Ein entscheidender Punkt in dieser Episode ist der „Mindblow“-Moment, an dem man erkennt, dass Neurodivergenz existiert und dass man möglicherweise selbst betroffen ist. Ich bespreche die Entdeckung dieses Aspekts des Selbst und die damit verbundene Erleichterung, aber auch die Herausforderungen, die sich ergeben, wenn man sein gesamtes Leben im Nachhinein neu bewerten muss. Dabei wird auch das Gefühl der Frustration und Enttäuschung beleuchtet, das häufig auftritt, wenn man erkennt, wie viele Lebenssituationen von der eigenen Neurodivergenz beeinflusst wurden. Wir zeigen auf, dass das Verständnis von Neurodivergenz nicht nur die Sichtweise auf das eigene Leben verändert, sondern auch den Umgang mit Alltagsherausforderungen erleichtert. Es geht darum, dass die Diagnose zwar Klarheit bringt, aber nicht automatisch die Lösung aller Probleme. Vielmehr ist es der Beginn eines neuen Weges, der weiterhin Herausforderungen mit sich bringt. Die Zuhörer werden ermutigt, sich mit ihren eigenen Erfahrungen auseinanderzusetzen und positive Aspekte zu entdecken, die aus diesem Erkenntnisprozess hervorgehen können. In der letzten Phase der Episode erinnere ich daran, dass jeder Schritt auf diesem Weg Zeit benötigt, und dass es in Ordnung ist, sich Zeit zu nehmen, um alle Facetten seiner eigenen Realität zu verstehen und zu verarbeiten. Ich hoffe, dass dieser Podcast den Zuhörern nicht nur ein besseres Verständnis für Neurodivergenz vermittelt, sondern auch die Möglichkeit bietet, einen Umgang mit eigenen Herausforderungen zu finden und eine positive Perspektive auf die eigene Identität zu entwickeln.

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