Studio Kindler

Jean-Philippe Kindler

Wie werden politische Entscheidungen sprachlich vorbereitet und gerechtfertigt? Das schaut sich Autor und Comedian Jean-Philippe Kindler einmal die Woche anhand von Clips, Studien und Zeitungsartikeln an. Wer die Wirkungsweise von Herrschaft verstehen will, muss sich mit den dazugehörigen Codes beschäftigen.

  1. 12h ago

    Folge 44: Kommt die Bezahlkarte für alle?

    In dieser langen Folge von Studio Kindler beschäftige ich mich ausführlich mit der Bezahlkarte. Wir werden sehen: Der Diskurs, der zur Einführung eben jener führte, war ein zutiefst rassistischer. Ich schaue mir diesen Anhand einiger Clips nochmal an, bevor ich Dmytros Chomenko zu Wort kommen lasse. Dmytros ist aus der Ukraine nach Deutschland geflohen und muss seinen Alltag aus einer Unterkunft für Geflüchtete heraus mit Bezahlkarte gestalten. Er erzählt ausführlich, welche enormen Einschränkungen das für ihn bedeutet. Ebenso wird deutlich: Die resultierenden gesellschaftlichen Ausschlüsse sind keine Pannen, sondern beabsichtigte Praxis der Abschreckung. Am Ende der Folge spiele ich noch ein zweites Interview ein - mit Lena. Lena forscht zur Bezahlkarte und wir erörten die Frage, inwiefern das Instrument auch für Menschen in der Neuen Grundsicherung eingesetzt werden könnte. Sowohl Dmytros als auch Lena traf ich in Köln, ganz herzlichen Dank an beide! QUELLEN: Beschwerdebericht der Gesellschaft für Freiheitsrechte und “Hamburg sagt NEIN zur Bezahlkarte” Initative: https://freiheitsrechte.org/uploads/publications/Soziale-Teilhabe/2026-Bezahlkarte-Bericht.pdf  Übersicht zur Bezahlkarte bei fragdenstaat: https://fragdenstaat.de/artikel/exklusiv/2024/12/alles-fur-eine-karte-asylsuchende-bezahlkarte/ Was tun Folge zur Bezahlkarte und Tauschaktionen: https://was-tun.podigee.io/51-bezahlkarte-tauschaktion  Pullfaktoren: https://www.migrationsbegriffe.de/pullfaktor  Die Forschungsarbeiten, die dem Projekt vorausgegangen sind, sowie die Podcast-Produktion wurden unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Projektnummer 490697580).

  2. Jul 5

    Folge 43: Die Folgen der "Reformen"

    Vor drei Tagen hat die Bundesregierung ein Reformpaket bestehend aus 34 Maßnahmen vorgestellt, mit dem noch der letzte Rest an Produktivität aus den Körpern der arbeitenden Menschen gequetscht werden soll. Die gesundheitlichen und ökonomischen Folgen der Beschlüsse lassen sich ganz gut vorhersagen. Warum? Weil es 1996 einen sehr ähnlichen Versuch gab, Arbeiter*Innen zu disziplinieren, das von Schwarz-Gelb initiierte "Programm für mehr Wachstum und Beschäftigung". Damals wurde die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall von 100% auf 80% gesenkt. Die Begründung damals war beinahe wortgleich mit der von vor drei Tagen: Die Leute würden zu wenig arbeiten, Deutschland habe einen Wettbewerbsnachteil, es braucht mehr Produktivität und Investitionen. Nicolas R. Ziebarth und Martin Karlsson haben untersucht, zu was das 1996er Programm geführt hat und die Ergebnisse verdeutlichen, was die Folge der aktuellen Reformen sein werden: Die krankheitsbedingte Abwesenheit aufgrund von nicht ansteckenden Diagnosen ging zwar um 30% zurück, allerdings gingen Menschen mit ansteckenden Erkrankungen dafür häufiger krank zur Arbeit. Dieses als "Präsentismus" bekannte Phänomen bleibt in der Debatte allerdings medial völlig unterbeleuchtet. Und das ist tatsächlich einigermaßen wahnsinnig: Präsentismus kostet ein deutsches Unternehmen pro Mitarbeiter/Jahr etwa 2400 Euro. Die Kosten für Absentismus liegen bei nur 1200 Euro pro Mitarbeiter/Jahr. Es ist also doppelt so teurer für deutsche Unternehmen, wenn Mitarbeiter*Innen krank zur Arbeit gehen im Vergleich zu dem, was Unternehmen bezahlen müssen, wenn ihre Mitarbeiter*Innen sich krank schreiben lassen. Die Folgen von Präsentismus sind verheerend, wie die Whitehall-ll-Studie zeigt: Menschen, die regelmäßig krank zur Arbeit gehen, sind einem viel höheren Risiko ausgesetzt, chronisch zu erkranken. Auch das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko steigt enorm. Es zeigt sich also: Der deutsche Staat versucht derzeit, auf Kosten der arbeitenden Menschen, Schritt zu halten im globalen, imperialen Wettbewerb. Quellen und Links: - Studie Folgen 1996er Programm 1 - Studie Folgen 1996er Programm 2 - Studie Kosten Präsentismus - Studie Whitehall-ll - Volle Kanne Beitrag Präsentismus - Novitas BKK Erklärvideo Präsentismus Ticketlink für "KUNST & KAMPF" mit Olivier David und mir in Hamburg. Danke fürd Zuhören/Zuschauen!

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