Mindmaps: der Philosophiepodcast (RefLab)

Manuel Schmid & Heinzpeter Hempelmann

Was wir über Gott und die Welt denken, hat nicht bei uns angefangen. Unsere weltanschaulichen und ethischen Überzeugungen stehen auf den Schultern großer Vordenker vergangener Jahrhunderte. Wir verdanken ihnen viel, dürfen ihre Vorgaben aber auch kritisch hinterfragen. In diesem Podcast nehmen Manuel Schmid und Heinzpeter Hempelmann ihre Hörer:innen mit auf eine faszinierende Zeitreise zu den Wurzeln unseres Denkens. Immer wieder werfen sie auch einen spezifisch theologischen Blick auf einflussreiche philosophische Entwürfe. Dabei wird deutlich, wie präsent die Philosophiegeschichte auch im 21. Jahrhundert ist, und wie sehr sie heutige Diskussionen in Politik, Gesellschaft und Religion mitbestimmt. «mindmaps» fordert dich heraus, mitzudenken, zu widersprechen und den eigenen Horizont zu erweitern!

  1. Kierkegaard (Teil 1): Philosophie mit offenen Wunden

    vor 15 Std.

    Kierkegaard (Teil 1): Philosophie mit offenen Wunden

    Endlich: Søren Kierkegaard! Peter und Manuel stellen ihn als Denker vor, bei dem Leben und Werk kaum voneinander zu trennen sind. Es geht um Todeserfahrungen, Verzweiflung, bürgerliche Fassaden – und die Frage, warum für Kierkegaard nur das Denken Gewicht hat, das durch die eigene Existenz hindurchgegangen ist. Prägend ist für Kierkegaard eine Kindheit im Schatten von Strenge, Verlust und Tod, die Erfahrung tiefer innerer Zerrissenheit und ein Leben, das immer wieder an den Ordnungen seiner Zeit anstösst. Gerade daraus wächst bei Kierkegaard die Überzeugung, dass Wahrheit nicht in abstrakten Systemen liegt, sondern nur dort Gewicht bekommt, wo sie durch die eigene Existenz hindurchgegangen ist. Die Folge zeigt, warum Kierkegaard den grossen Denkgebäuden seiner Zeit mit Misstrauen begegnet. Gegen Hegel, Schelling und auch Kant hält er fest, dass sich das Leben nicht widerspruchsfrei ordnen lässt. Menschen erfahren ihre Wirklichkeit nicht als logisches Ganzes, sondern als Zumutung, als Kontingenz, als Schuldzusammenhang, als Angst und als Suche nach Halt. Philosophie darf diese Erfahrung nicht glätten. Sie muss sich ihr aussetzen. Dabei sprechen Manuel und Peter auch über Kierkegaards frühe Verlusterfahrungen, seine Distanz zur bürgerlichen Welt Kopenhagens, seine Enttäuschung über die grossen Denker seiner Zeit und über die aufgelöste Verlobung mit Regine Olsen, die für sein Werk eine Schlüsselfunktion bekommt. So entsteht das Bild eines Autors, der nicht bloss über Existenz nachdenkt, sondern sie literarisch und philosophisch durchleidet. Eine Folge über einen Denker, der bis heute provoziert, weil er jede bequeme Trennung von Leben und Denken sprengt — und weil er darauf besteht, dass Erkenntnis nur dort beginnt, wo sie den Einzelnen wirklich angeht.

    57 Min.
  2. 17. Mai

    Hartmut Rosa: «Situation und Konstellation» – eine Gegenwartsdiagnose und ihre blinden Flecken

    Formulare, Verwaltungslogiken, digitale Systeme: Hartmut Rosa erklärt, warum moderne Gesellschaften uns immer häufiger in vorgegebene Optionen zwingen. Manuel und Peter nehmen diese These auf und prüfen, wo sie überzeugt, wo sie zu pauschal wird und warum sie auch theologisch interessant ist. Mit dieser Folge bekommt «mindmaps» einen Relaunch: Der Podcast bleibt philosophisch, richtet den Blick aber stärker auf aktuelle Bücher, die Debatten prägen, unsere Gegenwart deuten und auch für Theologie und Kirche relevant sind. Manuel Schmid und Peter Hempelmann befragen solche Texte kritisch und erkunden ihren Ertrag für Theologie und Kirche. Zum Auftakt dieses neuen Formats sprechen Manuel und Peter über Hartmut Rosas Essay «Situation und Konstellation. Vom Verschwinden der Spielräume». Im Zentrum steht Rosas These, dass Menschen in der spätmodernen Gesellschaft immer häufiger nicht mehr als urteilsfähige Handelnde gefragt sind, sondern nur noch als Vollziehende: Sie kreuzen Kästchen an, folgen digitalen Menüs, reagieren auf vorgegebene Optionen und verlieren dabei ein Stück Handlungsmacht. Manuel zeichnet nach, wie Rosa zwischen offenen «Situationen» und festgelegten «Konstellationen» unterscheidet. An vielen Beispielen wirkt diese Diagnose unmittelbar einleuchtend: bei Telefon-Hotlines, Versicherungen, Formularen, Verwaltungsabläufen oder dem Video Assistant Referee im Fussball. Gerade darin sieht Manuel die Stärke des Buches: Rosa beschreibt Erfahrungen, die viele kennen, und gibt einem diffusen Frust einen klaren Begriff. Zugleich beobachtet er, dass das Buch einen populistischen Unterton hat oder zumindest solche Folgerungen begünstigt, weil es das Gefühl verstärken kann, man sei anonymen Systemen ausgeliefert, die «von oben» über das eigene Leben verfügen. Peter widerspricht an entscheidenden Punkten. Er hält die Gegenüberstellung von Situation und Konstellation für zu scharf, methodisch zu grob und stellenweise suggestiv. Viele der von Rosa kritisierten Regeln schaffen nicht nur Enge, sondern schützen auch vor Willkür, Ungleichbehandlung und Machtmissbrauch. Konstellationen sind für Peter deshalb nicht einfach das Gegenstück zur Freiheit, sondern oft selbst Bedingungen für Gerechtigkeit. Das Gespräch fragt deshalb, ob Rosa die Komplexität moderner Ordnungen zu schnell in ein eingängiges Schwarz-Weiss-Schema presst. Dazu kommt eine philosophische Vertiefung: Wie tragfähig ist ein phänomenologischer Ansatz, der mit lebensnahen Beispielen arbeitet und daraus weitreichende Gesellschaftsdiagnosen ableitet? Manuel und Peter sprechen über die heuristische Kraft von Rosas Denken, aber auch über die Gefahr, aus eindrücklichen Einzelbeobachtungen vorschnell eine grosse Theorie zu machen. Im letzten Teil öffnet sich die Diskussion in Richtung Theologie. Peter liest die Evangelien als Schule der Freiheit: Jesus lasse sich immer wieder nicht in vorgegebene Alternativen drängen, sondern durchkreuze starre Logiken, öffne neue Spielräume und verwandle festgelegte Konstellationen in lebendige Situationen. So wird aus der Buchbesprechung auch eine programmatische Folge für den neuen «mindmaps»-Kurs: ein Gesprächsraum zwischen Philosophie, Theologie und Gegenwartsdeutung.

    1 Std. 8 Min.
  3. 19. Apr.

    Jürgen Habermas: Warum wir Religion dann doch brauchen

    In dieser Folge sprechen Manuel und Peter darüber, warum Jürgen Habermas ausgerechnet als postmetaphysischer Denker so beharrlich auf Religion zurückkommt. Sie gehen der Frage nach, was einer säkularen Vernunft fehlt, weshalb Habermas das Gespräch mit Ratzinger sucht und warum seine Öffnung zur Religion zugleich stark und unbefriedigend wirkt. Nach der ersten Folge zu Jürgen Habermas vertiefen Manuel und Peter diesmal dessen Religionsbegriff. Ausgangspunkt ist Habermas’ bekannte Frage, wie Verständigung, Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt unter nachmetaphysischen Bedingungen überhaupt noch möglich sind — also dann, wenn kein gemeinsamer religiöser oder weltanschaulicher Horizont mehr vorausgesetzt werden kann. Von dort aus zeichnen die beiden nach, weshalb Habermas trotz seines aufklärerischen und ausdrücklich nicht-religiösen Ansatzes seit Jahrzehnten immer stärker auf Religion als Gesprächspartnerin der Vernunft zurückgreift. Im Zentrum stehen Habermas’ Texte «Glauben und Wissen», «Ein Bewusstsein von dem, was fehlt», das Gespräch mit Joseph Ratzinger und das späte Alterswerk zur Geschichte der Philosophie. Manuel und Peter arbeiten heraus, wie Habermas Religion nicht als Rückkehr zu alten Wahrheitsansprüchen ins Spiel bringt, sondern als Speicher von Deutungen, moralischen Intuitionen und motivationalen Kräften, die eine säkulare Gesellschaft nicht einfach selbst hervorbringt. Dabei geht es um das Böckenförde-Diktum, um die Idee der postsäkularen Gesellschaft und um die Frage, weshalb religiöse Traditionen für Menschenwürde, Solidarität und Widerstandskraft offenbar mehr liefern als bloss diskursiv einholbare Argumente. Zugleich bleibt die Folge nicht bei der Würdigung stehen. Manuel und Peter fragen, ob Habermas mit seinem Diskursmodell die Realität menschlicher Kommunikation nicht zu idealistisch beschreibt, ob sein Wahrheitsbegriff zu fragil ist und ob sein Religionsbegriff die dunklen, intoleranten und gewaltförmigen Seiten religiöser Traditionen unterschätzt. Gerade dort wird das Gespräch besonders spannend: Habermas öffnet die säkulare Vernunft für Religion, ohne deren Offenbarungsansprüche zu rehabilitieren — und genau darin liegt für Peter sowohl die Stärke als auch die Grenze dieses Ansatzes. So wird diese Folge zu einer pointierten Auseinandersetzung mit der Frage, ob Religion im öffentlichen Denken nur Motivationsreserve ist oder ob sie auf etwas verweist, das die Vernunft selbst nicht ersetzen kann.

    1 Std. 23 Min.
  4. 4. Apr.

    Jürgen Habermas: Wie funktioniert Kommunikation?

    In dieser Folge sprechen Manuel und Peter aus aktuellem Anlass über Jürgen Habermas: über seinen Rang als Philosoph und Sozialtheoretiker, über seine Theorie des kommunikativen Handelns und über sein Ideal einer deliberativen Demokratie. Dabei geht es auch um die Frage, ob die «Macht des besseren Arguments» in einer polarisierten Öffentlichkeit noch trägt – oder ob Habermas an der Wirklichkeit scheitert. Jürgen Habermas hat die Bundesrepublik nicht nur philosophisch, sondern auch politisch mitgeprägt. Manuel und Peter zeichnen nach, wie er aus der Frankfurter Schule hervorgeht, warum er sich früh in öffentliche Debatten einmischt und weshalb sein Denken bis in die Gegenwart hinein so wirkmächtig geblieben ist. Im Zentrum steht dabei Habermas’ Versuch, Orientierung nicht mehr metaphysisch oder religiös zu begründen, sondern aus den Bedingungen menschlicher Verständigung selbst zu gewinnen. Die Folge entfaltet Grundzüge seiner Theorie des kommunikativen Handelns: den Austausch von Gründen, die gegenseitige Anerkennung der Gesprächspartner und die Hoffnung auf einen herrschaftsfreien Diskurs, in dem nicht Macht, sondern das stärkere Argument zählt. Manuel und Peter zeigen, weshalb dieses Modell für pluralistische Gesellschaften bis heute attraktiv ist. Zugleich fragen sie, ob Habermas die Gegenkräfte unterschätzt: asymmetrische Machtverhältnisse, elitäre Öffentlichkeiten, digitale Echokammern, Aufmerksamkeitsökonomie und die schlichte Tatsache, dass sich Menschen oft gerade nicht vernünftig verständigen wollen. So wird diese Sonderfolge zu mehr als einem Nachruf. Sie ist eine pointierte Auseinandersetzung mit einem Denker, der auf Verständigung setzte, ohne die Konflikte der Moderne zu leugnen. Und sie endet mit einer offenen Spannung: Ist Habermas’ Vision einer rationalen, demokratischen Öffentlichkeit heute nötiger denn je – oder gerade an ihren Grenzen angekommen?

    1 Std. 4 Min.
  5. Olivia Röllin: Hoffnung lernen (Podcast-Festival)

    21.09.2025

    Olivia Röllin: Hoffnung lernen (Podcast-Festival)

    Von «Hope dies – Action begins» bis zu «Alles wird gut»: Hoffnung polarisiert. Olivia Röllin und Manuel Schmid diskutieren, ob Hoffnung naiver Trost, gefährliche Illusion oder eine unverzichtbare Ressource für unser Leben ist. Und sie gehen der Frage nach, ob sich Hoffnung lernen lässt… Hoffnung – klingt harmlos, ist aber ein umkämpftes Konzept. Olivia Röllin und Manuel Schmid widmen sich einer Haltung, die in Krisenzeiten zugleich unverzichtbar und fragwürdig erscheint. Ausgangspunkt ist ein virales Interview mit dem Schauspieler Christoph Waltz, der ganz keck zu seiner fehlenden Hoffnung in den Krisen unserer Zeit steht. Verwechselt Waltz da nicht Optimismus mit Hoffnung? Und ist es ein Zeichen der Privilegiertheit, sich solche Hoffnungslosigkeit leisten zu können? Im Gespräch streifen die beiden antike Ursprünge, in denen Hoffnung oft misstrauisch betrachtet wurde: In Hesiods Pandora-Mythos blieb sie in der Büchse zurück – als einziges Gute oder als verlängertes Übel? Für die Stoiker war Hoffnung ein Affekt, der vom inneren Gleichmut ablenkt. Erst das Christentum stellte Hoffnung ins Zentrum. Als Tugend neben Glaube und Liebe, genährt durch die Überzeugung: Das Leben, nicht der Tod, hat das letzte Wort. Doch Hoffnung ist keine naive Vertröstung. Olivia verweist auf Ernst Blochs «Verliebtheit ins Gelingen» und Tolkiens Idee der «Eucatastrophe», des plötzlichen Umschlags zum Guten, der selbst im tiefsten Dunkel aufscheint. Manuel erzählt von biografischen Brüchen und kleinen Alltagsmomenten, in denen er trotz allem neu Vertrauen fasste. Und beide fragen sich: Wo kippt Hoffnung ins Destruktive – etwa, wenn religiöse Milieus sie ausschließlich ins Jenseits verschieben oder Fanatiker in ihrem Namen Gewalt rechtfertigen? Die Diskussion führt bis in die Gegenwart: Hoffnung ist nicht Optimismus, der Negatives übersieht, sondern eine Haltung, die Verzweiflung einschließt und dennoch am Guten festhält. Sie ist nicht nur individuell, sondern sozial – eine Praxis, die erlernt und geteilt werden muss. Kinder lernen hoffen, weil Eltern an sie glauben; Erwachsene brauchen Gemeinschaften, die ihre Hoffnung tragen. Könnte Kirche ein solcher Ort sein – ein Raum kollektiver Hoffnung, der nicht Illusionen verkauft, sondern Menschen in ihrer Zerbrechlichkeit stärkt? Am Ende bleibt die persönliche Frage: Wie bleibt man hoffnungsvoll in monströsen Zeiten? Olivia und Manuel suchen nach Antworten zwischen Philosophie, Theologie, Literatur und den eigenen Erfahrungen. Eine Folge über das Ringen um Hoffnung, über Illusionen und Widerstand, über Trost, Täuschung und Vertrauen – und über die Kunst, Zukunft offenzuhalten, auch wenn sie dunkel erscheint. Zum Gesprächsgast: Olivia Röllin kennt man als kluge Stimme aus den SRF-Sendungen «Sternstunde Religion» und «Sternstunde Philosophie» sowie aus dem Radio-Talk «Persönlich». Sie hat Religionswissenschaft und Philosophie studiert und denkt gerne mit anderen Menschen zusammen über Fragen von Sinn und Spiritualität nach. Ihre Neugierde hat sie auch nach unzähligen Gesprächen noch nicht verloren.

    57 Min.

Bewertungen und Rezensionen

4,9
von 5
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Was wir über Gott und die Welt denken, hat nicht bei uns angefangen. Unsere weltanschaulichen und ethischen Überzeugungen stehen auf den Schultern großer Vordenker vergangener Jahrhunderte. Wir verdanken ihnen viel, dürfen ihre Vorgaben aber auch kritisch hinterfragen. In diesem Podcast nehmen Manuel Schmid und Heinzpeter Hempelmann ihre Hörer:innen mit auf eine faszinierende Zeitreise zu den Wurzeln unseres Denkens. Immer wieder werfen sie auch einen spezifisch theologischen Blick auf einflussreiche philosophische Entwürfe. Dabei wird deutlich, wie präsent die Philosophiegeschichte auch im 21. Jahrhundert ist, und wie sehr sie heutige Diskussionen in Politik, Gesellschaft und Religion mitbestimmt. «mindmaps» fordert dich heraus, mitzudenken, zu widersprechen und den eigenen Horizont zu erweitern!

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