Tim Guldimann - Debatte zu Dritt

Tim Guldimann

Der Podcast von Tim Guldimann nimmt aus Politik und Gesellschaft relevante Fragen auf, die über die Tagesaktualität hinausgehen. Die prominenten Gesprächspartner – jeweils eine Frau und ein Mann – sind selbst im Themenbereich aktiv tätig. Monatlich werden laufend zwei neue Debatten aufgenommen. Tim Guldimann leitete Friedensmissionen im Kaukasus und Balkan, war Schweizerischer Botschafter in Teheran und Berlin und war danach bis 2018 Schweizerischer Parlamentsabgeordneter.

  1. VOR 5 STD.

    «Welche Finanzpolitik schafft soziale Gerechtigkeit?» - mit dem ehem. SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert und dem CDU-Präsidiumsmitglied Wiebke Winter

    Wie finanziert Deutschland die Zukunft, wenn Wachstum ausbleibt und vielen die Zuversicht fehlt? Darüber spreche ich mit Kevin Kühnert, dem früheren SPD-Generalsekretär, heute ist er bei der Bürgerbewegung «Finanzwende» zuständig für Steuern, Verteilung und Lobbyismus, sowie mit Wiebke Winter, Fraktionsvorsitzende der CDU-Bürgerschaftsfraktion in Bremen und Mitglied im Präsidium der CDU Deutschlands. Es geht um Wachstum, Vermögen, Erbschaftsteuer, Arbeit und die Frage, wie soziale Gerechtigkeit heute entstehen kann.  Zentrales Anliegen von Wiebke Winter ist, «zu schauen, wie kriegen wir denn überhaupt wieder einen Geist in Deutschland hin, dass wir daran glauben, dass wir die Hoffnung darin haben, dass jeder die Möglichkeit hat, dieses Aufstiegsversprechen zu schaffen, was ja eine ursozialdemokratische Idee ist, (..) dass dann ein neuer Drive reinkommt und wir dann die Finanzprobleme in der Form womöglich gar nicht mehr haben. (..) Zum Schluss wird es darum gehen, dass wir wieder ein Zukunftsbild haben, wo wir hinwollen (..) Mein Eindruck ist, dass viele Leute wieder mehr auf sich selbst schauen, weil sie diese Gesamthoffnung gar nicht mehr haben. Und dass viel Leute sich sagen, was lohnt es sich für mich überhaupt arbeiten zu gehen.»  Kevin Kühnert bestätigt, dass «die Leute das Gefühl haben, ich kann mich eigentlich anstrengen, wie ich will (..). Aber einige sind ausserhalb der Regeln der Gemeinschaft und haben ein eigenes Ökosystem für sich erschaffen, in dem sie immer reicher werden und wir haben nichts davon, dann ist das demotivierend und (..) steht dem Demokratieprinzip entgegen. (..) Das Steuersystem, wie wir es heute haben, ist in seinen Grundzügen entstanden in einer Zeit, als Einkommen und Vermögen bei uns ganz anders strukturiert waren. (..) Die wesentlichen Vermögen entstanden in den 50er/60er Jahren aus Arbeit heraus. (..) Vermögenssteuern, die es damals gab, richteten sich an ganz, ganz wenige in der Gesellschaft. (..) Viel Wohlstand ist entstanden, bei manchen auch extremer Wohlstand und gleichzeitig sind aber diese Steuerinstrumente geschliffen worden,(..) die Vermögenssteuer ist ausgesetzt worden. (..) Und dann hat sich die Politik nicht mehr rangetraut. (..) Seit 30 Jahren werden diese Vermögen eigentlich gar nicht mehr besteuert, ähnlich ist es bei der Erbschaftssteuer.»  «Die Absurdität» so Kühnert weiter, «die wir im bestehenden System haben (..), ist, dass bei Unternehmensanteilen ab 26 Millionen aufwärts, wir die absurde Regelung haben, dass, wenn an dem Tag, an dem der Fiskus kommt und sagt, jetzt wäre die Erbschaftssteuer auf deinen Anteil am Unternehmen fällig, wenn du es an dem Tag organisiert kriegst, dass du grad keine liquiden Mittel hast, und das ist ja eine Leichtigkeit für jeden Steuerberater, sowas zu organisieren, dann sagt der Staat, dann ist ja nichts da, scheint alles gebunden. (..) Dann betrachte bitte den Steuerbescheid als hinfällig. Wenn man das normalen Leuten, die arbeiten gehen und Einkommenssteuer bezahlen, sagt, dann fassen die sich an den Kopf und sagen, das kann ich alles nicht machen. (..) Warum soll das alles für die Allerreichsten gelten».

    44 Min.
  2. 1. APR.

    „Kann die russische Kultur ein Gegenprojekt zum imperialen Nationalismus entwickeln?“ - mit Kerstin Holm und Sergej Lebedew

    In der Debatte geht es um Krieg, Repression und Ohnmacht und um die Frage, ob im Exil andere politische Perspektiven, vielleicht sogar ein Gegenprojekt zum imperialen Selbstverständnis des russischen Staates und seiner offiziellen Kultur entstehen können. Moskau definiert die nationale Identität allein mit der historischen Einheit Russlands, der Ukraine und Weißrusslands samt den nationalen Minderheiten. Deshalb sieht der russische Exil-Schriftsteller Sergej Lebedew Lebedev in dieser Kultur „die letzte koloniale Kultur“ und fordert als Ziel und Richtung für eine neue Kultur eine „postimperiale Identität“. Dafür wäre es jedoch notwendig, über Krieg, Täter und Verantwortung zu sprechen, aber „wo ist die Analyse? Wo ist die Reflexion? Wo ist die Antwort der russischen Kultur? Es gibt (sie) nicht." Für Kerstin Holm, der langjährigen Russland Korrespondentin und Feuilletonistin der FAZ, besteht zwar für eine „postimperialen Kritik“, eine Chance, das reale Problem sei aber, „dass nach dem Zusammenbruch des Imperiums 1991 (..) eine postimperiale Nation-Building gescheitert ist (..) Jetzt haben wir wieder das Modell, wie in der Sowjetunion, dass die versklavte Gesellschaft durch den Stolz auf das Imperium kompensiert wird. Und das funktioniert wieder.“ Für Kerstin Holm fehle der russischen Gesellschaft ein Wir-Gefühl: „Die fühlen sich nicht als Gesellschaft, dieses politische Subjekt ist praktisch nicht da.“ - Sergej Lebedew formuliert es grundsätzlich: „Ich würde das den Kadavergehorsam der russischen Gesellschaft nennen. (..) Wir können uns zu gut adaptieren. (..) Das ist die erste unbewusste Reaktion, einen Weg zu finden, um sich zu retten, aber nur sich selbst.“  Wirkt das Muster der Ohnmacht, die Russland geprägt hat, auch im Exil fort? Hier zeige sich, dass das russische Exil kein einheitlicher Raum sei. Es gebe zwar Solidarität, Reflexion und Gewissensarbeit, es gebe aber auch Streit und Zersplitterung. Für Kerstin Holm werde „ein Klischee der russischen Emigration, dass sie Meister sind, sich zu zerstreiten“, deutlich. Trotz aller Skepsis skizziert Sergej Lebedew am Ende des Gesprächs vorsichtig eine Perspektive: „Die offizielle russische Kultur wird immer offizieller und offizieller, langweiliger und langweiliger“. Früher habe es für die Kultur eine Nische gegeben, aber diese werde jetzt „immer beschränkter, mehr Politik, mehr Zensur“.  Gerade darin sehe er eine Möglichkeit für Veränderung: „Und wie hat die westliche Kultur damals gewonnen? Vielfalt, Interesse und Freiheit.“ Lebedevs Hoffnung ist, dass daraus eine Alternative entstehen könne. Nicht durch große Gewissheiten, sondern durch Humor, Freiheit und neue Vernetzungen.

    41 Min.
  3. 17. MÄRZ

    «Kultur in der DDR – Was war möglich?» - mit dem Schauspieler-Ehepaar Claudia Wenzel und Rüdiger Joswig

    Die Schauspielerin und Autorin Claudia Wenzel ist seit vielen Jahren auf deutschen Fernsehschirmen präsent, ebenso wie Rüdiger Joswig als Schauspieler und Regisseur, unter anderem in Serien wie «In aller Freundschaft». Beide waren schon in der DDR erfolgreiche Schauspieler, heirateten aber erst nach der Wende. Beide erlebten das System von innen. Und beide trafen eine andere Entscheidung. Rüdiger Joswig stellte einen Ausreiseantrag. Er konnte aber erst 1987 nach fünf Jahren Berufsverbot die DDR verlassen. Claudia Wenzel entschied sich zu bleiben. Sie beschreibt, wie KünstlerInnen damals versuchten, Kritik indirekt auf die Bühne zu bringen. Rüdiger Joswig begründet, warum er ausreisen wollte: 1971 wurde «der eine Diktator (..) durch den andern Diktator, Ulbricht wurde durch Honecker abgelöst. Das verschaffte uns die Hoffnung auf Veränderung. Aber es kamen keine Veränderungen. Da war mir klar, dieses Land ist nicht reformierbar. Das führte dann dazu, dass ich mir sagte, in diesem Land kann ich nicht mehr leben. (..) Dann kam dieses schlimme Jahr (1976), in dem Biermann ausgebürgert wurde. Diese Ausbürgerung hatte für uns, gerade für uns Kulturschaffende, eine ganz schlimme Wirkung. Da begann ich zum ersten Mal darüber nachzudenken, dieses Land zu verlassen, wo so etwas möglich ist, dass man einen Künstler ausbürgert.»  Zur Frage, ob damals Theater kritisch sein konnte, sagt Claudia Wenzel: «Also in jedem Fall ist es so gewesen, dass wir durchaus mit Stücken (..) immer wieder auch mal Botschaften in den Zuschauerraum gesendet haben (..) und die Leute haben dann auch danach geächzt. (..) Wir jungen Schauspieler haben schon immer versucht, (..) diese kritischen Dinge rauszuholen und zu sagen, diesen Satz müssen wir besonders betonen. Die Zuschauer in den 80-er Jahren waren auch so sensibilisiert, dass sie genau wussten, was wir sagen wollten. (..) In dem du eine klassische Komödie genommen hast (..) und hast die Hauptfigur im Anzug auftreten lassen mit einer kleinen Umhänge-Handtasche und da wusste jeder, da ist ein Stasi-Mensch mit gemeint.» Und Joswig führt als Beispiel den Satz des französischen Botschafters in England zur Zeit von Maria Stuart an, den er – vor seinem Berufsverbot – auf der Bühne vortragen konnte: «Ich verlasse dieses Land, wo man die Menschenrechte mit Füssen tritt». Wenzel beschreibt ihre Gedanken nach der Rückkehr in die DDR von einer Westreise: «Als ich zurückkam, habe ich gesehen, hinter mir ging alles zu und ich lebe in einem Land, in dem ich eingesperrt bin und das wurde mir da richtig bewusst. Ich wusste es zwar vorher auch schon irgendwie.(..) Das ist mir aber erst dann bewusst geworden, als ich es von aussen gesehen habe. (..) Was ist denn das für ein System, das die Leute einsperrt.».  Im Podcast erzählen die beiden ihre Geschichte, wir sprechen über Sehnsucht durch Mangel, über den Tag an dem „wir was tun mussten“, über unberechenbare alte Männer an der Macht, über Ausgrenzung Andersdenkender und darüber, warum wir mit AfD – WählerInnen reden sollten.  Buchtipp: Claudia Wenzel: «Mein Herz liess sich nicht teilen- eine Wendegeschichte», 2024, Knaur

    54 Min.
  4. 24. FEB.

    "Direkte Demokratie: Ist die Schweiz fit für die neue Weltordnung?" – mit Tiana Moser und Walter Thurnherr

    In meiner neusten Debatte diskutiere ich mit Tiana Moser, Ständerätin des Kantons Zürich, und Walter Thurnherr, dem ehemaligen Bundeskanzler der Schweiz, über die Frage, ob sich die Schweiz in der neuen Welt behaupten kann, wenn das Recht des Stärkeren das Völkerrecht verdrängt? Sind wir heute überhaupt noch entscheidungsfähig und das rasch genug? Walter Thurnherr verteidigt das System: „Die demokratischen Prozesse, die sind langsam, bewusst langsam. Und ich finde oft auch gut, dass sie langsam sind, das reift dann so vor sich hin.“ Die Schweiz kenne, wie er es formuliert, nur zwei Zustände: „Wir haben den Normalzustand, der zwar chaotisch ist, aber gut funktioniert. […] Und dann haben wir die Notsituation“ mit Notrecht. Auch Tiana Moser steht zur schweizerischen Langsamkeit: „Es braucht einen kollektiven Reifungsprozess, aber das ist ja die Eigenart der Schweiz und darauf sind wir auch alle stolz, dass wir die Menschen in unserem Land bei solchen Entwicklungen und Entscheidungen mitnehmen wollen und müssen.“ Doch die Welt hat sich geändert. Die außenpolitische Zurückhaltung, die lange selbstverständlich war, steht unter Druck. Die Probleme bleiben nicht mehr draußen, sie kommen ins Land. Walter Thurnherr beschreibt diesen Wandel: „Wir mischten uns nicht ein und wir dachten, das schütze uns. (..) Wir haben uns als die Wertehüter und die Treuhänder […] der Weltgemeinschaft betrachtet. […] Und das hat sich natürlich jetzt massiv geändert.“ Damit entstehen neue Widersprüche. Im schweizerischen Selbstbild liegt ein Widerspruch zwischen Selbstverzwergung und Selbstüberschätzung. Wir halten uns für einen Kleinstaat, die Lebenslüge der Nation: Wirtschaftlich gehört die Schweiz fast zu den 10 Prozent der weltweit stärksten Volkswirtschaften und besetzt unter den 50 europäischen Staaten Rang 7. Und trotzdem räumt Tiana Moser ein: „Ich habe teilweise auch das Gefühl, dass wir uns wichtiger nehmen, als wir sind.“ Besonders zeigen sich Widersprüche in der Neutralität. Nach jüngsten Umfragen finden 80%, die Neutralität eine sehr gute Sache. Interessant wird es, wenn man fragt, ob die Schweiz die Ukraine militärisch unterstützen soll. Hier ist plötzlich eine Mehrheit dafür, die Ukraine im Abwehrkampf gegen die Russen militärisch zu unterstützen. Tiana Moser beschreibt das Spannungsfeld: „Man will an der Neutralität festhalten, weil das Teil unseres Identitätsbildes ist, unseres Selbstverständnisses, […] aber es braucht eine pragmatische Grundhaltung im Umgang, die der aktuellen Weltlage entspricht.“ Und Walter Thurnherr erinnert daran: „Die Neutralität ist nie wirklich ganz klar verstanden worden von allen auf dieselbe Weise und sie ist auch vom Bundesrat sehr unterschiedlich in der Praxis umgesetzt worden.“ Neutralität ist also weniger ein starres Prinzip als eine historisch gewachsene Praxis. Doch im Kontext des Ukrainekriegs ist sie problematisch geworden: „Mit der Diskussion über die Wiederausfuhrgenehmigungen […] haben wir uns einen enormen Schaden zugefügt“, sagt Tiana Moser. Die eigentliche Frage lautet deshalb vielleicht nicht nur, ob die direkte Demokratie funktioniert. Sondern ob wir bereit sind, unser Selbstbild, unsere außenpolitische Zurückhaltung und unser Neutralitätsverständnis an eine veränderte Welt anzupassen. Das wird sich zeigen in den nächsten zwei Jahren, wo vier aussenpolitisch wegweisende Volksentscheide anstehen: über die Eindämmung der Zuwanderung, über die Neutralität, über die neuen Verträge mit der EU und darüber, ob neue Verträge mit der EU auch die Zustimmung der Kantonsmehrheit verlangen und damit solche Verträge kaum noch konsensfähig machen.  BuchTipp – Walter Thurnherr: https://www.keinundaber.ch/buecher/wie-der-bundesrat-die-schweiz-regiert-und-weshalb-es-trotzdem-funktioniert?variant=14444391

    44 Min.
  5. 20. JAN.

    Trockengelegte Moore sind immense CO-2-Schleudern. Warum sind sie der blinde Fleck der Klimadebatte? - mit Franziska Tanneberger und Bernhard Kegel

    Das Thema meiner neusten Debatte ist noch nicht im breiten Bewusstsein angekommen: Trockengelegte Moore verursachen sieben Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen in Deutschland, deutlich mehr als, was alle Wälder des Landes absorbieren können. Weltweit produzieren sie mehr Treibhausgase als der gesamte Luftverkehr. Die Wieder-Vernässung der Moore ist eine der effizientesten und kostengünstigsten Hebel im Klimaschutz, um die Erderwärmung zu bremsen. Darüber diskutiere ich mit Franziska Tanneberger, Moorforscherin und Leiterin des Greifswald Moor Centrums. Sie wurde 2024 mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet. Und mit dem Biologen, Schriftsteller und Autor Bernhard Kegel. Sein Buch „Mit Pflanzen die Welt retten“ wurde für den Deutschen Sachbuchpreis 2025 nominiert.  Nasse Moore speichern viel CO-2 über sehr lange Zeiträume. Da aber früher die allermeisten Moore – in Deutschland 90-95 Prozent aller Moorflächen - trockengelegt worden sind, gelangen von ihnen anhaltend grosse Mengen CO-2 in die Atmosphäre. „Moor muss nass“, um das Problem zu lösen. Das passiert allein, wenn ihre mit grossem Aufwand betriebene Entwässerung gestoppt wird. Kegel argumentiert: „Ohne die Moore wieder zu vernässen, erreichen wir die Klimaziele in keinem Fall“.  Tanneberger hält es „für besonders wichtig, dass wir uns damit beschäftigen, was für Alternativen können wir auf diesen (wieder-vernässten) Flächen anbieten, sei es Paludikultur, also Landwirtschaft auf nassen Boden, sei es Fotovoltaik, sei es Naturtourismus (..) Wasserbüffel gehören zur Paludikultur, kann man ja toll Mozarella draus machen. (..) Das ist totales Neuland, was man da betritt. Unsere Landwirtschaft auf trockenen Böden hat sich ja seit Tausenden Jahren entwickelt (..) und wir haben ein Paradigma, dass für Landwirtschaft der Boden trocken sein muss.“  Die meisten Bauern auf trockengelegten Mooren „sind durch Investitionen vielleicht gebunden. (..) Das heisst, die Handlungsspielräume sind vielleicht gar nicht so gross, sofort was zu ändern.  Landwirte oder Eigentümer sagen, ‘wir wollen hier nicht als Verbrecher dastehen. Aber wir können doch nicht unser ganzes Wirtschaftsmodell übern Haufen werfen. Wer bezahlt uns das denn?‘ Grundsätzlich glaube ich, dass die Bereitschaft zu diesen Veränderungen da ist. (..) Ich bin sehr der Ueberzeugung, wir müssen erst mal Angebote dahaben.“ Dafür gebe es von der Regierung eine Förderrichtlinie, „auf die sehr gewartet wird, die dann ein Volumen von zwei Milliarden Euro haben soll. Da soll richtig Geld mobilisiert werden.“  Lesetipp zu den Büchern von Kegel und Tanneberger:https://bernhardkegel.de/mit-pflanzen-die-welt-retten/https://www.dtv.de/buch/das-moor-28324 Link zum Greifswalder Moor Centrumhttps://www.greifswaldmoor.de/ueber-uns.html

    45 Min.
  6. 5. JAN.

    «Who is Benjamin Netanjahu?» - with Netanyahu‘s former Inteligence Advisor Uri Halperin and Bente Scheller, Heinrich Böll Foundation

    In meiner neuen Folge der „DEBATTE ZU DRITT“ - dieses Mal auf Englisch – diskutiere ich über die Person des israelischen Ministerpräsidenten aus zwei unterschiedlichen Perspektiven, einerseits mit Uri Halperin; er war Oberst im israelischen Geheimdienst und stand mit Netanyahu im engen persönlichen Kontakt als dessen Berater für nachrichtendienstliche Fragen; andererseits mit Bente Scheller. Sie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Region und ist heute Leiterin der Mittelost/Nordafrika-Abteilung der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Halperin sieht in Netanyaju einen Führer, der von einer bestimmten Machtlogik getrieben wird: „Netanjahu ist ein sehr talentierter Mensch, er ist redegewandt und hochgradig kultiviert, aber er kann auch sehr rücksichtslos sein, insbesondere gegenüber denen, die er als seine politischen Feinde betrachtet.» Halperin erwähnt seine fehlende Empathie gegenüber den Familien der von der HAMAS verschleppten Geiseln, «weil er glaubt, dass sie Teil der Opposition gegen ihn seien». Bente Scheller verweist auf die Folgen dieser Logik über die Grenzen Israels hinaus und sieht «eine Reihe verpasster politischer Chancen (..), weil der Fokus auf militärischen Siegen liegt. Dieser Fokus auf Macht, statt auf politischer Verantwortung prägt auch Netanjahus Umgang mit Verbündeten. Scheller warnt vor den Folgen für Israel aus der wachsenden einseitigen persönlichen Abhängigkeit seiner Politik von Präsident Trump.  Gleichzeitig vermeide Netanyahu, so Halperin, «politische Positionen, sondern setze immer auf militärische Aktionen, einige davon (..) waren eindeutig erfolgreich, aber er erlaubt sich nicht, die politische Ebene einzubringen, vor allem, weil er von politischen Minderheiten erpresst wird. (..) Das schafft die Instabilität, die Netanyahu braucht, um politisch zu überleben (..) Chaos gibt Netanyahu mehr Zeit in seinem Amt. (..) Seine Position, politisch und persönlich zu überleben und nicht im Gefängnis zu landen, tötet Israel mit jeder Entscheidung, die er trifft. (..) Zurzeit gibt es einen Wettstreit zwischen zwei Vektoren, der erste ist das Gerichtsverfahren (..) und der zweite ist Netanyahus Vektor, der das Rechtswesen zerstören will, das ihn vielleicht für schuldig erklärt. Und in diesem Wettstreit ist Netanyahu vielleicht im Vorteil. (..) Wenn er im nächsten Jahr die Wahlen gewinnt, müssen wir vielleicht ein nicht-demokratisch-rechtsstaatliches Israel erwarten, so wie wir es bisher gewohnt sind».  Was mich in dieser Debatte überrascht hat, ist die radikale Kritik des früheren persönlichen Beraters von Netanyahu. Dieser sei daran, in Israel Demokratie und Rechtsstaat auszuhebeln, nur um seine eigene Macht zu erhalten.

    45 Min.
  7. 18.12.2025

    "Haben die Grünen Zukunft und wie stehen sie zur Wehrpflicht und zum Schutz von Rechtsstaat und Demokratie?" – mit Anja Hajduk und Robert Pausch

    Darüber diskutiere ich mit Anja Hajduk, langjährige Bundestagsabgeordnete und von 2021 bis 2025 als Staatssekretärin im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, quasi als rechte Hand von Robert Habeck, sowie mit Robert Pausch, Autor bei der ZEIT.  Anja Hajduk sieht im Ende der Ampel eine tiefe Bruchstelle: „Wenn eine Regierung vorzeitig zerbricht, ist das nicht der Normalfall. Das ist ein ganz besonderes Scheitern. (..) Die Regierung ist zerbrochen und dieses Zerbrechen hat zur grossen Verunsicherung in der Bevölkerung geführt. (..) Eine Regierung muss das Ziel haben, gemeinsam mit der Unterschiedlichkeit der Partner Erfolg haben zu wollen. Und das ist etwas, was im Laufe der Ampel verloren gegangen ist. Und das gillt für alle drei Partner. Und deswegen müssen die Grünen (..) analysieren (..) was haben wir selber zu dem Spiel beigetragen“.  Zu aktuellen Themen räumt Haiduk ein: „Es ist ein bisschen verpasst worden, das Thema: Wie stellen wir uns zur Wehrpflicht, wie stellen wir uns zu einem Pflichtjahr über alle Altersgruppen hinweg? […] Das ist eine Frage, wo es eine hohe gesellschaftliche Aufmerksamkeit im Moment gibt.“  Robert Pausch beschreibt, warum gerade dieses Thema so explosiv ist: „Es ist eines der Themen, auf dem gerade politische Energie drauf ist und irgendeine Art von Mobilisierungsfähigkeit, die aber bisher komplett vorbeiläuft an den Grünen […] nämlich irgendwie die Frage: Muss ich da jetzt auch an die Waffe?“  Hajduk entwirft den breiteren Rahmen: „Die ganz große Frage, die wir haben, ist nicht auf das Spektrum der Mitteparteien gerichtet, sondern die große Auseinandersetzung findet statt zwischen demokratischen Parteien, zwischen Demokratie und Autokratie.“ Und sie warnt vor zu viel Vorsicht: „Man muss schon mutig an die Gesellschaft herantreten. Ich glaube, dass die Gesellschaft eher ein bisschen die Nase voll hat, wenn sie so vorsichtige Antworten spürt, als wenn man etwas vor ihnen verheimlichen müsste.“  Die ganze Debatte hört ihr im Podcast 🎧 Wie seht ihr das: Braucht es von den Grünen eine klarere Haltung zur Wehrpflicht und wie könnte sie beitragen, Vertrauen in Demokratie und Rechtsstaat zu stärken?

    50 Min.
  8. 13.11.2025

    “Is Europe ready to defend itself against Russian aggression?” - with Nicole Deitelhoff and Ben Hodges

    Liegt in der russischen Aggression eine Kriegsgefahr für Europa? Die Welt steht in Flammen und ich frage den ehemaligen Oberbefehlshaber der US-Armee in Europa, Ben Hodges und die Friedens- und Konfliktforscherin Nicole Deitelhoff: Ist Europa gerüstet? – Die Debatte führt am Ende zu einer überraschend optimistischen Einschätzung.  Was halten der ehemalige US-General und die Leiterin des Leibniz-Instituts für Friedens- und Konfliktforschung von der Solidarität innerhalb der NATO, ihrer Widerstandskraft und der Verlässlichkeit der transatlantischen Allianz? Was will Putin mit dem Krieg in der Ukraine eigentlich erreichen mit seinem Versuch die NATO zu provozieren und zu spalten?  Nicole Deitelhoff meint: „Wir sind in einer Nicht-Friedensphase, aber nicht in einer Vor-Kriegsphase.“ Für sie steckt hinter Putins Strategie: „It is not about waging war against Western Europe. It is about getting Europe away from Ukraine’s side.” Und Ben Hodges ist überzeugt: „Putin fears not NATO armies or forces on his border. What he fears is an Ukraine that is liberal, democratic, free, prosperous.“  Am Ende geht es um ‘German Leadership‘ in Europa. Gegen den verbreiteten Alarmismus und die Selbstzweifel zeichnet Hodges ein anderes Bild von Sicherheit: kooperativ und europäisch. Der ehemalige US-Armee General sieht in der deutschen Zurückhaltung Pragmatismus und Stärke: „ I think Germany is leading by doing.“ Die Debatte ist diesmal in Englisch, hört trotzdem rein und vielleicht teilt Ihr den Optimismus.

    44 Min.
3,7
von 5
12 Bewertungen

Info

Der Podcast von Tim Guldimann nimmt aus Politik und Gesellschaft relevante Fragen auf, die über die Tagesaktualität hinausgehen. Die prominenten Gesprächspartner – jeweils eine Frau und ein Mann – sind selbst im Themenbereich aktiv tätig. Monatlich werden laufend zwei neue Debatten aufgenommen. Tim Guldimann leitete Friedensmissionen im Kaukasus und Balkan, war Schweizerischer Botschafter in Teheran und Berlin und war danach bis 2018 Schweizerischer Parlamentsabgeordneter.

Das gefällt dir vielleicht auch