Freiheit ist nicht nur eine individuelle, sondern eine soziale Frage, sagt Rahel Jaeggi. Die Philosophin über Machtlosigkeit und Entfremdung – und was gegen sie hilft. Im ZEIT-Podcast »Nur eine Frage« stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns umtreiben, auf die eine klare Antwort jedoch oft schwer zu finden ist. Wir befragen die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können. Früher war Freiheit einfach: Wer tat, was er wollte, galt als frei. Heute können wir reisen, wählen, kaufen und posten wie nie zuvor. Waren Menschen jemals freier als heute? Was bedeutet Freiheit? Und gab es jemals einen Zustand, in dem Menschen wirklich frei waren? Wir fragen in dieser Folge von »Nur eine Frage« die Philosophin Rahel Jaeggi: Sind wir frei? Rahel Jaeggi ist eine der einflussreichsten Sozialphilosophinnen der Gegenwart. Sie lehrt praktische Philosophie, Rechts- und Sozialphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin und zählt zu den wichtigsten Vertreterinnen der zeitgenössischen Kritischen Theorie. Jaeggi hat unter anderem an der Yale University, der New School in New York und der Fudan University in Shanghai gelehrt. Sie forscht zu Freiheit, Entfremdung und der Frage, wie gesellschaftliche Verhältnisse unser Leben prägen. Für ihr Buch Fortschritt und Regression erhielt sie den Philosophischen Buchpreis. Ihre Antwort auf die Frage lautet: Ja – vielleicht ein bisschen. Es komme darauf an, was man unter Freiheit verstehe. Im Podcast erklärt sie zunächst, warum die Frage komplexer ist, als sie klingt, und differenziert zwischen einem negativen und einem positiven Freiheitsbegriff. Ein zentraler Begriff von Jaeggi ist jener der Entfremdung. Im Podcast zeichnet sie die Geschichte des Begriffs von Rousseau über Hegel bis Marx nach und grenzt sich dabei von der Vorstellung ab, es gebe ein »wahres Selbst«, zu dem man nur zurückkehren müsse. Nach Jaeggi entstehe Freiheit dort, wo wir uns die Normen und Institutionen, unter denen wir leben, zu eigen machen könnten, wo wir sie als unsere begreifen und an ihrer Gestaltung teilhaben können. Sie zeigt am Beispiel von Bewegungen wie Brexit oder Maga, wie reale Entfremdungserfahrungen in regressive Reaktionen münden können. Der Wunsch, Kontrolle zurückzugewinnen, sei zunächst verständlich, problematisch werde es jedoch, wenn daraus die Vorstellung entstehe, man müsse nur zu einer vermeintlich verlorenen Einheit zurückkehren. Jaeggi führt aus, dass Freiheit nicht dadurch entstehe, dass »die Anderen« verschwinden, sondern dadurch, dass Menschen gemeinsam gestalten können, wie sie leben wollen. Die Freiheit im Kapitalismus sei doppeldeutig. Menschen könnten zwar ihre Arbeit wählen und ihren eigenen Weg gehen, aber diese Freiheit hänge von Voraussetzungen ab, die sehr ungleich verteilt seien, sagt Jaeggi. Die Frage, ob wir unsere Arbeits- und Wirtschaftsverhältnisse demokratischer organisieren können, sei deshalb eine zentrale Frage von Freiheit. Jaeggi spricht über Aneignung, Veränderbarkeit sozialer Normen und Institutionen sowie über größere und kleinere Möglichkeiten, Freiheit zu gestalten. Es geht um die Frage, ob Freiheit bedeutet, frei von allen Zwängen zu sein, oder darum, die eigenen Lebensformen als veränderbar erfahren zu können. Moderation: Jochen Wegner Redaktion: Sophie Hübner, Jens Lubbadeh, Tobias Oellig Videoproduktion: Nele Vogel Visuelle Produktion: Michael Pfister Kamera, Schnitt & Ton: ifbbw Visual Director: Malin Schulz Photo Director: Tina Ahrens Design: Adele Ogiermann, Jan Lichte Animation: Axel Rudolph Musik: Konrad Peschmann Logo: Lea Dohle