Musik für einen Gast

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF)

«Musik für einen Gast» – die besondere Talkshow auf SRF 2 Kultur: Ein Mensch und seine Musik. Persönlichkeiten – ob aus Kultur, Wissenschaft, Sport, Politik oder Wirtschaft – erzählen über ihr Leben, ihren Beruf, ihre Träume und Visionen und vor allem über die Musik, die sie geprägt hat und ihnen wichtig ist.

  1. 3d ago

    Michael Zemp: «Auf einem grossen Gletscher wird man demütig»

    Das Knirschen, wenn Eiskristalle unter den Sohlen brechen. Das Tropfen, Fliessen und Rauschen des Schmelzwassers. Das Gefühl, ganz klein zu sein inmitten dieser Weite. Der Glaziologe Michael Zemp ist seit 30 Jahren fasziniert von der Schönheit der Gletscher. Wie geht er mit ihrem Verschwinden um? Den Gletschern geht es schlecht. Kaum einer weiss das so genau wie Michael Zemp, Professor am Geografischen Institut der Universität Zürich und Direktor des «World Glacier Monitoring Service», der seit über 130 Jahren Daten zur Entwicklung der Gletscher auf der ganzen Welt erhebt, sammelt und analysiert. Was bedeutet es für Mensch und Natur, wenn die Eismassen zusehends schwinden? Als Wissenschaftler sei es durchaus spannend, diese Veränderungen zu verfolgen, sagt Zemp. «Ich vergleiche das oft mit einem Chirurgen. Wenn der am Operationstisch steht, hat er auch kein Verbarmen mit dem Patienten. Das wäre nicht professionell.» Doch Michael Zemp ist auch Vater von drei Söhnen. Und fragt sich, welche Welt wir künftigen Generationen hinterlassen. Im Gespräch mit Melanie Pfändler erzählt er, wie es ihm gelingt, zuversichtlich zu bleiben; von der Energie und der Inspiration, die er draussen in der Natur oder bei einem Live-Konzert findet und von den Tassen Kaffee, die nirgendwo so gut schmecken wie in einem warmen Schlafsack irgendwo mitten im Eis. Musikwünsche: - Janis Joplin: Mercedes Benz - Nathaniel Rateliff & The Night Sweats: S.O.B. - Patent Ochsner: Bälpmoos - Meute: You & Me - Max Richter, Gautier Capuçon, Jérôme Ducros: Sequence for Gaïa

  2. Oct 25

    Lou Elias Bihler: «Ich bin praktisch auf der Bühne geboren»

    Lou Elias Bihler stammt aus einer Theaterfamilie. Aufgewachsen ist er in Berlin und Paris im Umfeld der bedeutendsten Regisseure der Zeit. Er selbst ist ebenfalls Schauspieler geworden und tritt nun auch mit seiner Bühnenfigur Lou La Lou als Drag Queen mit eigenem Programm auf. Dass Lou Elias Bihler praktisch auf der Bühne zur Welt gekommen ist, ist nicht übertrieben, denn seine Mutter stand tatsächlich auf der Bühne, als die Wehen einsetzten. Die Bühne war das legendäre «Théâtre du Bouffes du Nord» in Paris, wo der Regisseur Peter Brook seine bahnbrechenden Inszenierungen präsentierte. Auch Lou Elias sollte schon bald dabei sein, mitunter in einer Kinderrolle in Peter Brooks «Mahabharata», mit dem die internationale Theatertruppe ab 1985 auf Welttournee ging. Doch dann kehrte die Familie in die Schweiz zurück, wo seine Eltern Miriam Goldschmidt und Urs Bihler weiter Theater spielten, er selbst aber erstmal keine Gelegenheiten mehr dazu bekam, bis er als junger Mann die Schauspielausbildung an der ZHdK machen konnte. Heute steht Lou Elias Bihler als Lou La Lou auf der Bühne und hat mit «Schmerz und Herz» ein eigenes Bühnenprogramm, in dem er mit dem Pianisten Michael Giertz zusammen die grossen deutschen und französischen Lieder und Chansons der 30er- und 40er-Jahre präsentiert. Die Musiktitel: - Ensemble des Grips Theaters Berlin & Band «No Ticket»: Du bist so schön, auch wenn du weinst, aus dem Musical Linie 1 - Hildegard Knef: Ich brauch Tapetenwechsel - Lucie Mannheim: Lili Marleen (Parodie-Version, BBC 1943) - Tim Fischer: Rinnsteinprinzessin - Zarah Leander: Davon geht die Welt nicht unter

  3. Oct 18

    Marius Kob: «Ein Glas könnte auch ein See sein»

    Eine Kaffeetasse kann zur Figur werden. Entscheidend ist für Marius Kob, dass er selbst an ihr Leben glaubt – und das Publikum mit ihm. Der Figurenspieler und Figurenbauer bringt einen Gorilla aus Peddigrohr mit ins Studio und zeigt, wie schon eine kleine Bewegung den Eindruck wecken kann, eine Figur denke und fühle. Aufgewachsen ist Kob in Magdeburg. Zum Theater kam er als Jugendlicher durch eine Kabarettgruppe an seiner Schule. Sein erster Auftritt begann mit Jubel und endete damit, dass kaum noch jemand zuhörte. Die Frage, wie auf der Bühne ein Austausch mit dem Publikum entsteht, beschäftigt ihn bis heute. Später entdeckte er das Figurentheater und wusste: das ist mein Weg. Kob baut und spielt Figuren, arbeitet mit Schulklassen und kuratiert für das internationale Basler Figurentheaterfestival. Ihn interessiert, was Theater bei Menschen auslösen kann. Ein Stück soll für ihn mehr bieten als einen überraschenden Effekt: Es soll berühren. Auch die Frage nach Heimat begleitet seine Arbeit. Ein eigenes Stück entstand aus dem Blick auf das Magdeburger Viertel, in dem er aufgewachsen war und aus dem nach der Wende viele Menschen wegzogen. In «Musik für einen Gast» erzählt Marius Kob von seinen Anfängen auf der Bühne, vom Leben, das er Gegenständen einhaucht, und davon, weshalb eine gelungene Szene Raum für das Unvorhergesehene braucht. Dazu hört er Musik, die ihn seit seiner Jugend begleitet – von Ella Fitzgerald über Nirvana und Bach bis zu Miles Davis. Dessen Spiel erinnert ihn an etwas, das er auch im Figurentheater sucht: Kontrolle und zugleich die Offenheit für den Moment. Die Musiktitel: - George Gershwin: Summertime, aus «Porgy and Bess» (Ella Fitzgerald) - Nirvana: Smells Like Teen Spirit - Seu Jorge: Convite para vida - J.S. Bach: Wachet auf, ruft uns die Stimme. Kantate BWV 140 (Monteverdi Choir; English Baroque Soloists; John Eliot Gardiner, Leitung) - Miles Davis: All Blues

  4. Oct 4

    Elke Heidenreich: «Was rettet uns, wenn nicht die Kultur?»

    Bei aller Liebe zur Literatur: Am liebsten wäre Elke Heidenreich Musikerin geworden. Schon als Kind sass sie stundenlang vor dem Radio. Klavierstunden konnte sie sich erst viel später leisten. Welche Werke sie durch ihr Leben begleiten, erzählte die Autorin und Kritikerin im Hotel Waldhaus in Sils. Noch heute kann Elke Heidenreich jedes Wort mitsingen, wenn «Jamaica Farewell» mit Harry Belafonte läuft - ein Sehnsuchtsstück in ihrer Kindheit im Ruhrgebiet der Nachkriegszeit. Dank ihrer Mutter, die begeistert Wunschkonzerte hörte, entdeckte sie früh ihre Leidenschaft für Musik. Später, als sie als Pflegekind bei einer Pastorenfamilie lebte, sang sie im Bach-Chor mit. Und dort übte sie sich auch erstmals als Literaturkritikerin: «Samstags hat der Pfarrer uns immer seine Predigt vorgelesen, und wir durften sagen, wie wir das finden. Und er hat tatsächlich Dinge eingearbeitet, die ich als 15jähriges Mädchen gesagt habe.» In «Musik für einen Gast» erzählt Elke Heidenreich im Gespräch mit Irene Grüter, warum sie sich erst spät getraut hat, literarisch zu schreiben, weshalb wir der Kunst trauen sollten, und warum sie dem Alter ohne Ängste entgegenblickt. Die Musiktitel: - Harry Belafonte: Jamaica Farewell - Felix Mendelssohn-Bartholdy: Zion streckt ihre Hände aus, Duett aus dem Oratorium «Elias» (Soile Isokoski, Sopran; Monica Groop, Alt; La Chapelle Royale; Philippe Herreweghe, Leitung) - Christoph Willibald Gluck: «Que farò senza Euridice» aus der Oper «Orpheus ed Euridice» (Luciano Pavarotti, Tenor; Philharmonia Orchestra; Piero Gamba, Leitung) - Henry Purcell: Cold Song (Sting & Ensemble) - Franz Schubert: Ungarische Melodie D 817 (Alfred Brendel, Klavier)

  5. Sep 27

    Mirjam Skal: «Musik kann eine Experimentierküche sein»

    Sollte Sie bei der neuen SRF-Krimiserie «Blind» ein Schauer überkommen, liegt das womöglich an Mirjam Skal. Und an den beiden Eieruhren, die sie sich gekauft hat. Mit knapp 30 ist Skal bereits eine der gefragtesten Filmkomponistinnen der Schweiz – und bedient sich gern ungewöhnlicher Instrumente. Barbie und Schwanensee. Eine eher überraschende Verbindung. Und auch nicht unbedingt eine, bei der man an musikalische Frühbildung denkt. Das sagt auch Mirjam Skal. Doch damals, in den frühen Nullerjahren, als sie als kleines Mädchen mit ihrer Schwester und ihrer Cousine vor dem Fernseher sass und «Barbie of Swan Lake» schaute, sei der Moment gewesen, in dem Filmmusik ihr zum ersten Mal bewusst aufgefallen sei. Heute ist sie Mirjam Skals Beruf. Am diesjährigen Zürich Film Festival ist die Zürcher Komponistin gleich mit drei Produktionen vertreten, darunter «Blind», die neue SRF-Krimiserie, die dort am 27. September Premiere feiert. Doch auch an internationalen Projekten war Mirjam Skal bereits beteiligt, etwa am Soundtrack zum Hollywood-Film «Der Gesang der Flusskrebse». Im Gespräch mit Melanie Pfändler erzählt Mirjam Skal von ihrem Arbeitsprozess und ihrer Liebe zu kreativen, virtuellen Instrumenten. Sie beschreibt, wie eng verknüpft Klänge und Farben in ihrer Wahrnehmung sind. Und sie spricht über den Wert von weiblichen Vorbildern in einer Branche, in der die grossen Namen lange Zeit ausschliesslich Männer waren. «Blind» feiert am Sonntag 27. September Premiere am Zürich Film Festival. Ab 17 Uhr desselben Tages sind alle sechs Folgen der Serie als Stream auf Play SRF verfügbar. Die Musiktitel: - Mirjam Skal: BLIND –Opener / Main Theme - Tschaikowsky: Schwanensee (London Symphony Orchestra; André Previn, Leitung) - Jerry Goldsmith: Alien – The Alien Planet (Filmmusik) - Hildur Guðnadóttir: Bridge of Death (Filmmusik: Chernobyl) - Anúna: An Raibh Tú ag an gCarraig - Illumishade: Cyclone

  6. Sep 20

    Tamara Štajner: «Es fehlt an wütenden Frauen»

    In ihrem aktuellen Roman «Luft nach unten» beschreibt die Schriftstellerin, Musikerin und Performerin Tamara Štajner eine Frau, die so richtig schön wütend werden kann. Etwas, was ihr in der sonstigen Literatur immer gefehlt hat. Tamara Štajner stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien, ist aber zu jung, um wirklich noch Erinnerungen daran zu haben. Auch der Jugoslawienkrieg ist an ihr vorbeigegangen, denn sie wuchs in Slowenien auf, wo der Krieg glücklicherweise nur wenige Tage gedauert hat. Trotzdem ist sie von der jugoslawischen Geschichte geprägt, hatte sie doch einen Grossvater, der Zwangsarbeit bei den Deutschen, den Kampf der Partisanen und die Gefangeneninsel Goli Otok er- und überlebt und trotzdem nie den Glauben ans Gute verloren hat. Sie selbst zieht als junge Frau nach Wien um Viola zu studieren. Sie wird Musikerin, Performerin und Schriftstellerin und gewinnt mit Auszügen aus ihrem aktuellen autobiografisch motivierten Roman «Luft nach unten» den «Kelag-Preis» beim Wettlesen am Ingeborg-Bachmann-Preis 2024. Von ihrer Prägung durch die Familie und der Bedeutung der Kunst schon als Kind, von ihrem Wechsel nach Wien und ihrem Leben mit drei Berufen, von ihrer Musik und auch von den «Illyrischen Furien», wie sie die kämpferischen und oftmals wütenden jugoslawischen Frauen bezeichnet und beschreibt, erzählt Tamata Štajner im Gespräch mit Gastgeber Michael Luisier. Die Musiktitel: - Elis Regina und Antonio Carlos Jobim: Aguas de Março - Arnold Schönberg: Verklärte Nacht, 4. Satz (Janine Jansen, Boris Brovtsyn, Amihai Grosz, Maxim Rysanov, Torleif Thedéen, Jens-Peter Maintz) - Anna Anderluh: Improvistation I - «Casta Diva» aus der Oper «Norma» von Vincenzo Bellini (Maria Callas, Sopran; Orchestra del Teatro alla Scala; Tullio Serafin, Leitung) - Clara Iannotta: The purple fuchsia bled upon the ground (Ausschnitt) (Pierre-Laurent Aimard, Klavier; WDR Sinfonieorchester; Elena Schwarz, Leitung)

  7. Sep 13

    Denise Tonella: «Museen sollen den kritischen Geist fördern»

    Als Tochter einer Tessiner Bergbauernfamilie half Denise Tonella oft auf dem Hof mit. Museen entdeckte sie erst als Studentin in Basel. Heute ist sie Direktorin des Schweizerischen Nationalmuseums. Sie ist überzeugt: Wer sich mit Geschichte auseinandersetzt, versteht auch die Gegenwart besser. Wenn andere Schulkinder nach den Sommerferien vom Meer schwärmten, konnte Denise Tonella nur vom Heuen erzählen: «Damals hat mich das frustriert. Später wurde mir klar, wie viel Kraft und Ausdauer mir die landwirtschaftliche Arbeit für viele Dinge im Leben gegeben hat.» Ihre Lehrer setzten sich bei der Familie dafür ein, dass Denise Tonella das Gymnasium besuchen konnte. Nach ihrem Geschichtsstudium arbeitete sie zunächst in der Filmbranche, später wurde sie Kuratorin am Zürcher Landesmuseum. Seit 2021 ist sie Direktorin des Schweizerischen Nationalmuseums. Mit aktuellen Ausstellungen wie «Sexarbeit» oder «Bankenland Schweiz» will Tonella das Museum zum Ort für gesellschaftliche Debatten machen. Wichtig ist ihr besonders die Vielstimmigkeit, wie sie im Gespräch mit Irene Grüter erzählt: «Gerade in Zeiten der Bedrohung der Demokratie müssen Museen die Fähigkeit zum kritischen Hinterfragen fördern.» Die Musiktitel: - Astor Piazzolla: Oblivión - Ennio Morricone: Per qualche dollaro in più - Tracy Chapman: Talkin' About a Revolution - Konstantinos Argiros: Sinefasmeni Kiriaki - Lou Kaena: Bye Bye

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